Abwick­lungs­platt­for­men

„Die Spie­ler ändern sich, aber nicht die Spiel­re­geln“

Einige Lebensversicherer stellen ihr Neugeschäft ein, spezialisierte Abwickler übernehmen die Bestände. Das seien aber keine Problemverträge, betont die Finanzaufsicht BaFin. Die Interessen der Kunden blieben gewahrt. Verbraucherschützer äußern dennoch Bedenken. Von Karsten Röbisch

Die Finanzaufsicht BaFin stemmt sich gegen den Eindruck, die Lebensversicherer würden sich mit dem sogenannten Run-off notleidender Verträge entledigen. „Wir hatten bei den sechs Bestandsübertragungen, die wir bislang genehmigt haben, keinen Sanierungsfall dabei“, sagte Kay Schaumlöffel, BaFin-Abteilungsleiter für Lebensversicherung und Kapitalanlage, am Freitag auf der 28. Wissenschaftstagung des Bundes der Versicherten (BdV) in Berlin. Die Versicherer hätten sich von den Policen getrennt, weil sich das Geschäft für sie nicht mehr rechne, und nicht, weil sie die Verträge an die Wand gefahren hätten.

Aktuell gibt es in Deutschland drei Anbieter, die sich auf die Konsolidierung von Lebensversicherungsverträgen spezialisiert haben: Frankfurter Leben, Viridium und Athene. Zusammen verwalten sie rund 1,7 Millionen Verträge. Dazu kommen etwa 260.000 Verträge der pro bAV Pensionskasse, deren Verkauf an die Frankfurter Leben die Axa jüngst bekannt gegeben hatte. Bezogen auf die Gesamtzahl der Lebens- und Rentenversicherungen in Deutschland liegt der Anteil der abgewickelten Verträge bei rund zwei Prozent.

Peter Schwark verteidigte den Verkauf als „betriebswirtschaftlich im Einzelfall sinnvolle Entscheidung“. Der Lebensversicherungsmarkt sei ein wettbewerblicher Markt, und es gebe eben auch dort Unternehmen, die im Wettbewerb nicht mehr mitmischen und kein Neugeschäft mehr machen wollten, sagte der Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Dann stellt sich die Frage: Was mache ich mit den alten Verträgen, selber bis zum letzten Vertrag weiter verwalten oder an Spezialisten für Bestandsverwaltung abgeben?“.


Bei der Übertragung gehe es darum, die schrumpfenden Bestände möglichst kostengünstig zu verwalten, so Schwark. „Ein Run-off ist kein Mittel, um die Garantien zu erwirtschaften. Das muss immer aus dem Bestand heraus kommen“, betonte Schwark. Die Interessen der Kunden blieben nach dem Eigentümerwechsel gewahrt, die Aufkäufer würden wie alle Versicherer der Kontrolle der Finanzaufsicht BaFin unterliegen. „Die Spieler ändern sich, aber nicht die Spielregeln“, so Schwark.

Die Konsolidierungsplattformen zielen vor allem auf Größenvorteile und damit verbundene Synergien. „Jedes Unternehmen, das schrumpft, hat ein Fixkostenproblem. Durch den Zusammenschluss von Verträgen habe ich das aber nicht mehrmals, sondern nur einmal“, sagte Bernd Neumann, Finanzvorstand der Frankfurter Leben. Zwar geht auch beim Run-off mit der Zeit die Kundenzahl zurück, im gleichen Maße sollen aber auch die Fixkosten sinken, verspricht Neumann. „Wir verstehen das Problem, das ist unser Geschäftsmodell.“ Auch bei der Kapitalanlage könnte sein Unternehmen Vorteile erzielen. „Weil wir kein Neugeschäft machen, können wir die Zahlungsströme besser planen und bei gleichem Risiko höhere Renditen erwirtschaften“, so Neumann.

Dass Einsparungen bei der Vertragsverwaltung den Kunden nützen, sieht auch Lars Gatschke von der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) so. „Es gibt ein gleichgerichtetes Interesse von Aufkäufern und Kunden an niedrigeren Kosten.“ Er hinterfragt aber, ob das Kalkül der Run-off-Anbieter aufgeht: „Schaffen sie die Migration der Verträge?“ Gatschke sorgt sich zudem, dass die Eigentümer der Plattformen diese über Gewinnabführungsverträge finanziell schwächen könnten. All das werde sich aber erst in einigen Jahren zeigen, deshalb sei es für eine Bewertung noch zu früh, so der Verbraucherschützer.

Die Erfahrungen mit Konsolidierungsplattformen im Ausland seien jedenfalls nicht einfach auf Deutschland übertragbar, wie Constantin Papaspyratos, Rechtsexperte beim BdV, erklärte. In Großbritannien hätten die Aufkäufer die Überschussbeteiligung der Kunden massiv gekürzt. Das sei in Deutschland nicht möglich. „Die Gewinnaussichten sind für die Unternehmen in Deutschland eingeschränkt“, so Papaspyratos. Diejenigen, die in den Run-off-Markt gingen, seien daher deutlich vorsichtiger.

Und auch die BaFin hat ein wachsames Auge: „Wir schauen uns die zum Verkauf stehenden Bestände sehr genau an und prüfen, wie sich eine Übernahme auswirken würde“, sagte Schaumlöffel. Seine Behörde könne zusätzliche Sicherheiten verlangen.

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