Inter­view mit Natur­ge­fah­ren­ex­per­ten

„Die Schweiz ist den meis­ten Natur­ge­fah­ren aus­ge­setzt“

In der Schweiz arbeiten Bund, Kantone und Experten aus Forschung und Versicherungswirtschaft gemeinsam am Naturgefahrenschutz. Josef Eberli vom Bundesamt für Umwelt und Bruno Spicher, Präsident der Nationalen Plattform Naturgefahren über eine offene und demokratische Risikokultur.

Herr Spicher, Herr Eberli, wie können sich die Menschen umfassend vor Wetterextremen schützen?
Josef Eberli: Schutz vor Naturgefahren umfasst zweierlei: den Schutz der Menschen durch unmittelbare Warnung und Information und den Schutz von Menschen und Sachwerten. Der Bund und die Kantone haben nach 2007 die Warnungen optimiert – wir warnen heute in der gesamten Schweiz auf dem Portal www.naturgefahren.ch. Für den Schutz von Leib und Leben und Hab und Gut haben wir Gefahrenkarten für jede Naturgefahr wie Hochwasser, Lawinen, Erdrutsch, Steinschlag in 70 Prozent der Gemeinden ausgewiesen. In roten Gefahrenzonen ist das Bauen verboten, in blauen nur mit Auflagen gestattet, in gelben Zonen ist der Schutz freiwillig. Das Restrisiko tragen solidarisch alle über die obligatorische Versicherung.

Bruno Spicher: Wir wissen, dass es hundertprozentigen Schutz nicht gibt. Wir können systematisch lernen: Was könnte passieren, wie können wir handeln, um hohe Risiken zu mindern oder zu meiden? Das sollte integral erfolgen. Die Schweizer Maxime dafür lautet ALLE: Alle Naturgefahren sind zu betrachten. Alle Menschen sind an Planung und Umsetzung zu beteiligen. Alle möglichen Maßnahmen sind zu prüfen. Und es braucht Zeit, damit Prävention nachhaltig ist und von allen getragen wird – durch die Menschen, durch die öffentliche Hand und die Assekuranz.

Wie unterstützt die Nationale Plattform Naturgefahren PLANAT die Menschen bei der Prävention?
Bruno Spicher:
Unser Gremium hat den Auftrag, die Regierung in fachlichen Fragen rund um Naturgefahren zu beraten, Empfehlungen für die Umsetzung des Risikomanagements zu entwickeln und dessen Umsetzung zu fördern. Risikodialog zwischen den Beteiligten ist dabei ein zentraler Faktor. Dazu bringen wir alle am Runden Tisch zusammen – Forschende, HauseigentümerInnen, ArchitektInnen, die öffentliche Hand und Versicherer. Dabei entstehen Vorschläge für Gesetze, Baunormen und Versicherungslösungen. Wir sind damit sehr erfolgreich.

Was wurde bereits umgesetzt?
Bruno Spicher:
Wir haben eine Strategie zum Umgang mit Risiken aus Naturgefahren entwickelt und stellen Informationen zur Umsetzung bereit. So wurde vieles schon umgesetzt, wie die Förderung von hagelresistenten Materialien und Maßnahmen für den Hochwasserschutz. Im vergangenen Jahr wurde, in Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Umwelt und der Assekuranz, eine Gefährdungskarte Oberflächenabfluss publiziert. Schon kurze Zeit nach der Publikation wurden durch die öffentliche Hand und Bauherren erste Maßnahmen getroffen, um das Risiko von Überschwemmungen nach Starkniederschlägen zu mindern. Beispielsweise durch höhere Gehsteige oder eine größere  Dimensionierung der Kanalisation.

Wie hilft das Naturgefahrenportal den Menschen beim Schutz?
Josef Eberli: Wir informieren und warnen bundesweit vor allen Naturgefahren. Rund um die Uhr. Dazu speisen sechs Fachstellen des Bundes wie Wetterdienst oder Lawinendienst Informationen ein. Die Alarmzentrale gibt die Warnungen heraus. Das Portal verweist zudem auf die Gefahrenkarten der einzelnen Kantone und gibt Handlungsanweisungen. Neuerdings erfolgen die Warnungen auch per App, damit wir möglichst alle Menschen erreichen.

Welche Allianzen und politischen Entscheidungen waren notwendig, damit das
Informationsportal und PLANAT aufgebaut werden konnten?
Josef Eberli: Der Bund hat 2007 entschieden, einheitliche Warnungen vor Naturrisiken für die ganze Schweiz zu veröffentlichen. Entwickelt haben den Dienst dann Mitarbeitende vom Bund, der Kantone und Fachleute in gemeinsamen Workshops. Seitdem wird das Portal ständig verbessert. Nur der Bund verfügt über die Infrastruktur, um einen 24-Stunden-Warndienst aufrechtzuerhalten. Dazu wurden auch 20 neue Stellen geschaffen.

Bruno Spicher: Es braucht den gesellschaftlichen Konsens, dass es Naturgefahren gibt und dass wir etwas zum Schutz davor machen können und wollen. Ein Gremium wie PLANAT muss von der öffentlichen Hand initiiert werden, mit einem breiten Kreis von Beteiligten. Manchmal braucht es auch gewissen Druck, damit sich etwas bewegt.

Wie erfolgreich sind Sie mit Ihrer Risikokultur?
Josef Eberli: Dass wir Gefahrenkarten publizierten und verbindliche Bauauflagen machten, stieß auf große Akzeptanz. Wer baut, will sich und sein Eigentum schützen. Manchmal ist indes der Sprung vom Wissen zum Handeln schwierig.

Bruno Spicher: Skeptische Stimmen gibt es immer, das gehört dazu. Da hilft Überzeugungskraft. Die Schweiz ist den meisten Naturgefahren ausgesetzt. Jeder Landesteil hat Erfahrung mit Naturkatastrophen. Und alle Akteure sind Teil der Gesellschaft, alle haben Interesse an einem intakten Lebensraum. Jeder Franken, den wir aufwenden müssen, um Zerstörtes aufzubauen oder Geschädigte zu unterstützen, steht für anderes wie kulturelle oder soziale Leistungen nicht zur Verfügung.

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