Film­pro­jekt „Ein­same Geburt - Heb­am­men in Not“

„Die Poli­tik ist ver­pflich­tet, bei den Heb­am­men zu han­deln“

Jede werdende Mutter kann entscheiden, ob sie ihr Kind im Krankenhaus, Geburtshaus oder zu Hause entbinden möchte. Noch, denn immer mehr freiberufliche Hebammen geben ihre Arbeit auf, schlicht, weil sie nicht genug damit verdienen. Die Filmemacherin Nadine Peschel hat sich mit dem Warum hinter dieser Entwicklung beschäftigt. Ergebnis ist der Film „Einsame Geburt – Hebammen in Not“, über den sie im Interview spricht.

Frau Peschel, Ihr Film läuft seit Ende Mai 2015 in ausgewählten Kinos. Warum lohnt sich der Beruf der Hebamme nicht mehr, obwohl er gesellschaftlich doch so erwünscht ist?
Nadine Peschel:An dem Dilemma der Hebammen sind wir alle, also die gesamte Gesellschaft beteiligt. Es gibt nicht den einen Schuldigen, dafür ist das Problem zu komplex. Und es ist nicht so neu, wie man vermuten könnte. Seit mehr als zehn Jahren weiß die Politik darum, als die Haftpflichtversicherungsprämie das erste Mal so enorm anstieg. Doch es wurde dort allem Anschein nach nicht ernst genommen.

Was bedeutet das konkret?
Peschel:Das Dilemma liegt vor allem darin, dass die freiberuflichen Hebammen, wie viele andere soziale Berufe, oft Frauenberufe, nicht vernünftig bezahlt werden und damit insbesondere ihre Beiträge für die Haftpflichtversicherung nicht aufbringen können. Die steigenden Prämien sind praktisch als Signalton der Hebammen zu verstehen, um ihre unzureichende und damit auch finanzielle Anerkennung wahrzunehmen. Zudem wird Geburt heutzutage fast nur noch als Risiko bewertet und nicht mehr als etwas Natürliches, Normales. Damit liegt auch nahe, alles rund um die Geburt unter medizinischen und wirtschaftlichen Aspekten einzuordnen, und entsprechend hoch ist der Druck auf die Kassen, hier Kosten zu sparen. Das erklärt traurigerweise auch, dass sich das Familienministerium bisher für die Hebammenproblematik nicht wirklich zuständig fühlt und eben meine Interviewanfrage an das Gesundheitsministerium weitergereicht hat.

Was muss geschehen, damit sich die Situation bessert?
Peschel:Die Politik ist hier verpflichtet zu handeln. Nicht nur das Gesundheitsministerium allein, sondern auch das Familienministerium muss das Problem angehen. Es geht schließlich um werdende Familien, um Eltern. Ich habe in den ausführlichen Gesprächen mit Politikern, Krankenkassen, Hebammen, Versicherungswirtschaft, Ärzten ein positives Signal von allen mitgenommen. Alle sind bereit, sich zu bewegen, um das Problem zu lösen, einzig die konkrete Handlung fehlt – noch.

Sie haben in Ihren Kinofilm nicht nur viel Zeit, sondern auch viel eigenes Geld investiert. Was bringt eine Filmemacherin dazu, sich ein Thema so zu Herzen zu nehmen?
Peschel:Als im vergangenen Jahr die Hebammen deutschlandweit auf die Straße gingen und mit vielen Protesten auf ihre Existenzbedrohung aufmerksam machten, wollte ich wissen, wie es soweit kommen konnte. Ich bin vor drei Jahren Mutter eines Sohnes geworden, mit einigen Hebammen an meiner Seite und einer Geburt im Geburtshaus. Das Thema ist mir dadurch ganz persönlich nah, und ich habe angefangen zu recherchieren. Dabei ist mir schnell klar geworden, wie kompliziert die Situation nicht nur für die Hebammen, sondern für die ganze Gesellschaft ist. Jede Interessengruppe veröffentlicht ihre Meinung, mir war es jedoch als Dokumentarfilmerin wichtig, diese Stimmen einmal zu bündeln und einem breiten Publikum verständlich nahe zu bringen. Nun will ich mit meinem Film vor allem schaffen aufzuklären, und die bisher nicht interessierten Bürger anzusprechen, um damit bestenfalls etwas zu einer Bewegung beizutragen.

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