Das merk­wür­dige Ver­hal­ten beim Spa­ren

„Die Nüss­chen weg­stel­len“

Sparen oder konsumieren? Für den Finanzwissenschaftler Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Mannheim, ist das ein Kampf zwischen dem jetzigen und dem zukünftigen Ich. Warum es da gut sein kann, wenn jemand mal das Knabbern am Ersparten verbietet, verrät er im Interview.

Laut der Allensbach-Studie „Generation Mitte“ sorgen sich die 30- bis 59-Jährigen um ihre Altersvorsorge. Aktiv werden bei dem Thema aber nur wenige. Warum gibt es hier solch einen Widerspruch zwischen Wissen und Handeln?
Martin Weber: Es gibt ja ein rationales Ich, das seinen Lebenszyklus plant. Und da kann man seinen Bedarf ausrechnen. Das sollte man machen. Aber selbst meine Mitarbeiter machen das oft nicht in letzter Konsequenz. Zum einen liegt das daran, dass es ja schon um ein komplexes Problem geht. Wie viel Geld brauche ich im Alter? Wie stark wird sich die Inflation auswirken? Und wie wird sich meine Lebenssituation bis dahin entwickeln? Das muss man schon einmal zumindest mit einer Tabelle sich konkret ausrechnen, wenn man das seriös machen will.

Ist es allein die zusätzliche Arbeit, die einen vom Kümmern um die Altersvorsorge abhält?
Weber: Es gibt auch den zweiten Punkt: Das ist einfach eine unschöne Fragestellung. Ich soll jetzt verzichten, um dann irgendwann in der Zukunft etwas mehr zu haben. Da ist einem das Heute doch näher als das Morgen.

Können die Menschen nicht rational mit Geld umgehen?
Weber: Wir sparen ja nicht des Geldes wegen, sondern für den Konsum. Für eine Studie wurden Probanden gefragt: Was sparst du? Anschließend hat man ihnen ein verfremdetes Bild von sich selbst in 30 Jahren gezeigt. Als die Leute sich selbst älter gesehen haben, wollten sie mehr sparen.

Woran liegt das?
Weber: Ich glaube, das kommt daher, dass sich die Leute dann eine konkretere Vorstellung machen können. Sparen ist ja ein Kampf meines jetzigen Ichs gegen mein zukünftiges Ich. Wenn ich mein zukünftiges Ich sehe, dann bin ich vielleicht bereit mehr für dieses Ich zu sparen.

Muss man den Menschen also mit einem solchen Kniff kommen, um sie von der Altersvorsorge zu überzeugen?
Weber: Das ist einer der zentralen Punkte, wo die Leute Beratung brauchen. Den Leuten muss man an Beispielen zeigen, wie sich ihr Leben weiter entwickeln könnte, um ihnen zu zeigen, ob es dieser oder jener Altersvorsorge bedarf. Die Frage, wie viel muss ich jetzt sparen, hängt ja an vielen Faktoren. Was ist dann, wenn die Kinder älter werden? Wie sieht wahrscheinlich meine durchschnittliche Gehaltssteigerung aus? Viele brauchen auch kurz nach dem Eintritt in den Ruhestand mehr Geld, weil sie erst mal reisen möchten. Über solche Pläne muss man einmal sprechen. Da braucht man Hilfe, weil das eine sehr komplexe Fragestellung ist. Ich konstruiere mir mein Auto ja auch nicht selbst.

Die Altersvorsorge ist auch eine langfristige Angelegenheit und damit auch eine Frage der Disziplin.
Weber: Es gibt dabei aber zwei Arten von Disziplin. Einmal die Disziplin, auch meinen Sparplan einzuhalten, also regelmäßig das Geld zur Seite zu legen. Aber es bedarf auch dem Einhalten einer Strategie. Die Leute denken oft, bei jeder Entwicklung müssten sie reagieren. Das ist aber genau falsch. Wenn ein Bekannter daherkommt und zu einem Investment in einen Schiffsfonds rät, dann denkt man sich, ‚Ach mach ich das doch mal‘ und schon weicht man von seiner langfristigen Strategie ab.

Wie kann ich mich als Sparer denn selbstdisziplinieren, so dass ich nicht von meiner Strategie abweiche?
Weber: Da gibt es natürlich bestimmte Kniffe. Zum Beispiel, dass sie ihre Strategie schriftlich machen und dann vielleicht auch noch über den Spiegel hängen. Das ist eine Art „Selbst-Commitment“. Das erste solcher „Commitments“ beim Geld, das wir zumeist im Leben kennengelernt haben, war das Sparschwein. Und dann gibt es eben auch das Sparschwein für Erwachsene. Sie sparen vielleicht für sieben Jahre und bekommen dann im achten noch eine Prämie. Wenn wir uns als rationaler Mensch optimiert haben, dann brauch ich ein solches „Commitment Device“ nicht mehr. Die meisten sind aber nicht so rational.

Beim Sparschwein komme ich aber nur ans Geld, indem ich das Schwein kaputt schlage. Meine Flexibilität ist dadurch eingeschränkt.
Weber: Das zahl ich ja bewusst da rein, weil ich eine Schwäche habe. Sehen Sie, bei mir ist das so: Ich esse gerne Erdnüsse, obwohl ich die nicht immer gleich alle aufessen sollte. Wo stell ich die Nüsschen also hin? Nicht auf den Wohnzimmertisch, sondern vielleicht in ein anderes Zimmer, weil ich sie sonst gleich alle esse. Mittlerweile kauft meine Frau schon keine Nüsse mehr. Meine Frau schränkt also meine Freiheit ein, Nüsschen zu essen. Aber das hilft mir, beim Durchhalten, nicht so viel zu knabbern.

Es braucht also oft einen externen Aufpasser?
Weber: Sie brauchen solch ein „Commitment Device“. Da spielt beim Sparen und der Altersvorsorge natürlich auch die Industrie eine Rolle. Sie kann eben helfen und das mit einem passenden „Commitment Device“ unterstützen. Aber sie kann eben auch genau diese psychologische Schwäche ausnutzen und die rationalen Sparüberzeugungen mit Anreizen konterkarieren, damit wir das Geld doch ausgeben.

Der Homo Oeconomicus handelt also nicht rational, sondern irrational?
Weber: Das ist ja kein Gegensatz. Ich nehme mir ja vor, was ich rational machen will. Was ich dann aber in der Situation entscheide, ist wieder etwas anderes. Wenn ich angeboten bekomme, zehn Euro in einem Monat oder elf Euro in einem Monat und einem Tag, dann entscheiden sich die meisten für die elf Euro. Wenn ich aber heute zehn Euro oder elf Euro morgen haben kann, entscheiden sich die meisten für zehn Euro. Das ist das „I want it all, I want it now!“ Ich fasse gute Vorsätze. Wenn ich dann aber im Januar bin, verhalte ich mich doch anders. Ich denke, heute Abend esse ich keine Nüsschen, aber wenn ich dann heute Abend da sitze und sie stehen da…

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