UDV-Lei­ter Brock­mann zu Bus­un­glück

„Der Innen­raum von Bus­sen darf nicht mehr zu einer Feu­er­falle wer­den“

18 Tote und 30 Verletzte. Busunglücke wie das auf der A9 in Oberfranken sind selten, zeigen aber die katastrophalen Folgen im Fall der Fälle. Der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, Siegfried Brockmann, spricht über Sicherheitsmängel – insbesondere beim Brandschutz.

Herr Brockmann, neue Reisebusse müssen seit November 2015 mit einem Notbremssystem ausgerüstet sein. Der am Montagmorgen auf der A9 verunglückte Bus war drei Jahre alt und besaß dieses Hilfsmittel offenbar nicht. Hätte ein solches System den Aufprall verhindern können?
Siegfried Brockmann: Das System hätte den Aufprall verhindert oder zumindest wesentlich abgeschwächt. Die Assistenten erkennen Hindernisse auf der Fahrbahn und bremsen das Fahrzeug ab, sofern der Fahrer nicht reagiert. Immer vorausgesetzt, dass das System auch eingeschaltet ist.

Wieso, kann es denn auch ausgeschaltet sein?
Brockmann: Es klingt absurd, aber die Notbremssysteme lassen sich manuell abschalten – was bedauerlicherweise auch in der Praxis geschieht. LKW-Fahrer machen das gelegentlich, um dichter auffahren zu können und aus dem Windschatten heraus zu beschleunigen. Busse fahren jedoch per se schneller und haben das nicht nötig. Bei ihnen ist deshalb in der Regel das Notbremssystem – wenn es denn installiert ist – auch eingeschaltet.

Dennoch stellt sich die Frage nach dem Sinn eines Systems, das manuell deaktiviert werden kann. Müsste diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden?
Brockmann: Das stimmt, unter Sicherheitsaspekten ergibt es keinen Sinn, dass die Assistenten abgeschaltet werden können. Ich fordere schon länger, dass das geändert wird. Immerhin hat die EU inzwischen eine Initiative gestartet, die das Abschalten in Zukunft verhindern soll – unabhängig von dem tragischen Ereignis gestern.

Ein Grund für die hohe Opferzahl war auch, dass sich das Feuer so schnell ausbreiten konnte: Wie kann es dazu kommen?
Brockmann: Leider werden noch immer leicht brennbare Materialen verbaut. Die Deutsche Bahn dagegen hat klare Vorgaben für die Auswahl der Innenmaterialien ihrer Waggons. Das brauchen wir auch für Busse. Der Innenraum von Bussen darf nicht mehr zu einer Feuerfalle werden.

Könnten auch zusätzliche Löschsysteme helfen?
Brockmann: Brände entstehen in der Regel im Motorraum. Für den ist seit zwei Jahren ein Brandmelder vorgeschrieben. Dann hat der Fahrer noch Gelegenheit, die Passagiere kontrolliert aussteigen zu lassen und vielleicht das Feuer mit dem Feuerlöscher zu ersticken. Natürlich wäre eine Sprinkleranlage noch besser, aber natürlich auch wesentlich teurer.

LKW und Kleinlaster verursachen an Stauenden immer wieder Auffahrunfälle, weil die Fahrer übermüdet sind. Sehen Sie ähnliche Probleme auch bei Busfahrern?
Brockmann: Anders als beim Lkw haben wir beim Busfahrer wenige Nebentätigkeiten wie beispielsweise Be- und Entladen. Ausmeiner Sicht sind die Lenk- und Ruhezeiten befriedigend geregelt. Und sie werden auch beachtet.

Das Reise-Geschäft boomt, immer mehr Fernbusse rollen auf Deutschlands Autobahnen. Ist das Fahren angesichts des tragischen Unglücks von Montag überhaupt sicher?
Brockmann: Bilder von aufgeschlitzten oder ausgebrannten Bussen mit vielen Verletzten und Getöteten prägen sich in das öffentliche Bewusstsein ein, das ist verständlich. Tatsächlich aber sind Reisebusse relativ sicher und solche verheerenden Unfälle sehr selten. Nichtsdestotrotz gibt jeder schwere Bus-Unfall einen Grund, die bestehenden Sicherheitsvorschriften zu hinterfragen.

Interview: Karsten Röbisch und Jörn Paterak

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