7 The­sen zum New Green Deal der EU

„Das rich­tige Maß an Fle­xi­bi­li­tät, Markt­ori­en­tie­rung und Inno­va­ti­ons­för­de­rung tref­fen“

Als langfristige Kapitalanleger können Versicherer starke Impulse für Investitionen in den Klimaschutz setzen, diese müssten aber auch ökonomisch nachhaltig sein. Die Branche sei ein idealer Partner für die Energiewende in Europa, findet GDV-Präsident Wolfgang Weiler – wenn die Rahmenbedingungen stimmen

„Der Kampf gegen den Klimawandel ist zweifellos die Herausforderung unseres Jahrhunderts“, sagt der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zu den Plänen der EU-Kommission, den Binnenmarkt bis zum Jahr 2050 emissionsfrei zu machen. Der „New Green Deal“ nehme diese Herausforderung an und entwerfe eine neue Wachstumsstrategie, so Wolfgang Weiler. „Klimaschutz und wirtschaftliche Prosperität sind keine Antipoden. Versicherer sind ideale Partner für die Energiewende und unterstützen die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft – auch im eigenen ökonomischen Interesse: Denn bei einer Erderwärmung um durchschnittlich vier Grad wären viele Risiken schlichtweg nicht mehr sinnvoll zu versichern.“

Als langfristige Kapitalanleger können Versicherer nach Einschätzung des GDV-Präsidenten wichtige Impulse für Klimaschutzinvestitionen setzen, die Investitionen müssten aber auch ökonomisch nachhaltig sein.

Der „New Green Deal“ der EU-Kommission ist ehrgeizig. Aus Europa sollen bis Mitte des Jahrhunderts keine neuen Treibhausgase mehr in die Atmosphäre gelangen. „Er wird seine Ziele nur erreichen, wenn er neben der notwendigen Stringenz bei Klimaschutzvorgaben auch das richtige Maß an Flexibilität, Marktorientierung und Innovationsförderung trifft“, so Weiler.

Sieben Positionen zum Green Deal

In Deutschland haben Stürme, Hagel und Starkregen allein im vergangenen Jahr 2,7 Milliarden Euro versicherte Schäden an Häusern, Hausrat, Gewerbe- und Industriebetrieben verursacht. Alle Klimamodelle zeigen, dass wir uns künftig auf extremere Wetterlagen einstellen müssen. Ob hiermit auch mehr Schäden einhergehen, hängt von der richtigen Folgenanpassung an das Klima ab. Versicherer arbeiten schon heute mit an Schutzkonzepten und Lösungen.

Im Mittelpunkt stehen dabei folgende Positionen:

1. Ein Green Deal muss im internationalen Wettbewerb bestehen können

Ohne regulatorische Vorgaben kann ein Green Deal nicht gelingen. Gesetzliche Regeln dürfen die Marktkräfte aber nicht abschneiden und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nicht schwächen: Ohne eine nachhaltig wachsende Wirtschaft wird Europa keine Vorreiterrolle in der Bekämpfung des Klimawandels spielen.

2. Versicherer sind ideale Partner für klimaschützende Infrastrukturprojekte

Schätzungen der EU zufolge sind jährlich Investitionen in Höhe von 180 bis 290 Mrd. Euro erforderlich, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Versicherer können Kapital für den Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur zur Verfügung stellen. Sie sind schon heute einer der größten Förderer der Energiewende – bis heute haben sie knapp 6 Milliarden Euro Kapital für entsprechende Projekte zur Verfügung gestellt. Die Branche will ihr Engagement weiter ausbauen und ist idealer Partner für die Energiewende: Deutsche Erstversicherer haben 2018 ihre Infrastrukturinvestitionen um fast ein Drittel auf 32 Milliarden Euro aufgestockt. Public-Private-Partnerships passen mit ihren langen Laufzeiten gut zum Geschäftsmodell der Branche. Ein Hindernis: die geringe Zahl an passenden Projekten – vor allem in Deutschland.

3. Nachhaltige Investments brauchen Standards und Spielräume zugleich

Die Definition von Nachhaltigkeit ist häufig sehr ungenau. Vor allem die Einführung eines Klassifizierungssystems sowie neuer Standards etwa für Green Bonds würden bei Investoren und Verbrauchern zu mehr Klarheit und Transparenz führen. So nötig das gemeinsame Verständnis über den Begriff ist, so wichtig sind auch notwendigen Spielräume. Je nach Größe und individueller Situation des Versicherers können unterschiedliche nachhaltige Investitionsstrategien sinnvoll sein. Die Bekämpfung des Klimawandels wird jedoch allein über das Umlenken von Kapitalströmen nicht funktionieren. Ein Preisschild für die Produktion von Kohlendioxid ist daher richtig.

4. Renditestarke Kapitalanlagen stehen nicht im Widerspruch zu nachhaltigen Kapitalanlagen

Eine an der Nachhaltigkeit ausgerichtete Anlagestrategie kann gute Renditen erzielen. Ökologische Aspekte können sinnvoll in Investitionsentscheidungen einfließen – immerhin legen deutsche Versicherer im Schnitt täglich 1,3 Mrd. Euro neu an. Allerdings müssen sich diese Überlegungen immer den übergeordneten gesetzlichen Regelungen des Versicherungsaufsichtsgesetzes und den Regeln nach Solvency II unterordnen.

5. Die Kunden stehen im Mittelpunkt

Versicherer stellen sich der ökologischen Herausforderung – das Primat muss aber die Sicherheit der Beiträge der Kunden sein: Nachhaltige Kapitalanlage ist mehr als ökologisch korrekt. Sichere und rentable Anlagen sind die Voraussetzung dafür, dass Versicherer ihre Leistungsversprechen in der Altersvorsorge und in der Schaden- und Unfallversicherung jederzeit halten können. Diese Bedingung muss auch erfüllt sein, wenn ökologische Kriterien stärker berücksichtigt werden sollen – oder Kunden müssten dazu bereit sein, für ökologisch nachhaltige Kapitalanlagen gegebenenfalls Abstriche bei Sicherheit und Garantien zu machen.

6. Bauvorschriften heute anpassen verhindert Schäden in der Zukunft

Jene Klimaveränderungen, die wir heute beobachten, sind nicht das Ergebnis aktueller Emissionen: Sie sind ein Erbe der Vergangenheit: Über den Klimaschutz hinaus müssen wir uns daher auch mit dem Schutz vor den Folgen des Klimawandels beschäftigen. Wenn Starkregen und Hagelschlag in zunehmender Weise Hab und Gut bedrohen, muss auch das Bauplanungs- und Bauordnungsrecht angepasst werden - und zwar heute. Je später wir hiermit beginnen, desto größer wird der volkswirtschaftliche Schaden in der Zukunft ausfallen. Sind die Folgen erst eingetreten, ist es zu spät. Der überwiegende Teil der Bebauungspläne wurde zu einer Zeit beschlossen, als viele wissenschaftliche Erkenntnisse zu Extremwetterlagen und Klimawandel noch nicht vorlagen.

7. Ohne Aufklärung kein Risikobewusstsein

Aufklärung und Prävention sind das A und O, um künftige Schäden in Grenzen zu halten und Elementarrisiken heute wie auch in Zukunft versichern zu können. Versicherer tun alles dafür, Menschen über Gefahren von Extremwetterereignissen und Naturkatastrophen zu informieren. Alle Experten müssen ihre Kräfte bündeln und über Gefahren und Schutzmöglichkeiten aufklären. Wie in anderen Ländern auch, muss der deutsche Staat die vorhandenen Informationen zu Naturgefahren bündeln und der Öffentlichkeit in einem zentralen Online-System zugänglich machen. Versicherer fordern deshalb ein bundesweites Naturgefahrenportal mit begleitenden Informationskampagnen. Die Branche hat mit der Machbarkeitsstudie „Kompass Naturgefahren“ beispielhaft gezeigt, wie dieser Gedanke umgesetzt werden kann. Standortgenau Informationen über Gefährdungen durch Hochwasser, Starkregen, Blitz- und Überspannung sowie Sturm und Hagel sollten in der digitalen Gesellschaft selbstverständlich sein.

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