Inter­view Jochen Ruß

„Das Geld sollte lebens­lang rei­chen“

Eine private Rentenversicherung zahlt dem Kunden monatlich eine bestimmte Summe – egal wie lange er lebt. Diese Sicherheit bietet kein anderes Finanzprodukt. Dennoch ziehen viele Kunden die Einmalzahlung der monatlichen Rente vor - weil sie das Produkt als Investment betrachten würden und nicht als Absicherung ihres Lebensstandards, so Finanzwissenschaftler Jochen Ruß. Diese Einstellung lasse sich aber ändern.

Herr Ruß, wenn eine Rentenversicherung fällig wird, wählen die meisten Menschen die Einmalauszahlung statt der Rente. Ist das schlau?
Jochen Ruß: Das hängt natürlich immer von der individuellen Lebenssituation ab. Generell wäre es aber für die meisten Menschen klüger, eine lebenslange Rente zu nehmen.

Was spricht denn gegen den Spatz in der Hand, also die Einmalzahlung?
Ruß: Dazu erlauben Sie mir eine Gegenfrage. Wissen Sie heute schon, wie alt Sie werden?

Keine Ahnung.
Ruß: Sehen Sie, und damit sind Sie nicht allein. Niemand weiß, wie lange er leben wird. Deshalb können Sie auch nicht richtig planen. Weil Sie nicht wissen, wie lange ihr Geld reichen muss, besteht eine Unsicherheit, dass die Ersparnisse weg sind, Sie aber noch leben. Diese Unsicherheit nimmt Ihnen die Rentenversicherung ab.

Aber vielleicht gehöre ich ja zu denen, die früh sterben.
Ruß: Wenn Sie zu Rentenbeginn krank sind und wissen, dass Sie voraussichtlich nicht sehr lange leben werden, kann es natürlich klüger sein, die Einmalauszahlung zu wählen. Wenn Sie aber zur normalgesunden Bevölkerung gehören, dann haben Sie mit Rentenbeginn voraussichtlich noch 20 bis 25 Jahre zu leben. Wie lange genau, ist aber sehr unsicher. Sie können schon mit 75 sterben, aber auch 90 oder gar 100 Jahre alt werden. Und das Geld sollte doch in jedem Fall lebenslang reichen.

Die meisten Verbraucher überzeugt das Argument aber offenbar nicht.
Ruß: Die Menschen betrachten die Rentenversicherung oft als Investment. Sie rechnen sich vor: Was habe ich eingezahlt, was bekomme ich heraus. Und die Aussicht, im Falle eines frühen Todes „Verluste“ zu machen, wird übergewichtet und hält die meisten von einer Verrentung ab. Verstärkt wird diese Denkweise noch dadurch, dass viele ihre Lebenserwartung tendenziell zu niedrig einschätzen. Sie orientieren sich an ihren Eltern oder Großeltern und wissen nicht, dass die Lebenserwartung pro Generation um rund siebeneinhalb Jahre steigt.

Steht uns also unsere Psyche im Weg?
Ruß: Ja, es ist oft unsere Intuition, die gegen uns spielt. Man kann das aber ändern und beispielsweise beeinflussen, was die Kunden als Gewinn oder Verlust wahrnehmen.

Wie denn?
Ruß:
Man muss deutlicher erläutern, dass die Rentenversicherung den Lebensstandard absichert – und zwar unabhängig davon, wie alt man wird. Dann wird unterbewusst nicht mehr als Gewinn oder Verlust bewertet, ob man insgesamt mehr oder weniger herausbekommt, als man eingezahlt hat. Vielmehr ist jeder Monat, in dem der Konsumbedarf im Alter abgedeckt ist ein „Gewinn“. Unter dieser Sichtweise ist die Verrentung weniger riskant als ein Auszahlungsplan oder das Sparbuch, bei dem das Geld irgendwann aufgebraucht ist. Es kommt also sehr darauf an, wie man die Versicherung erklärt. Es ist zwar kompliziert, aber eben auch wichtig.

Haben die Unternehmen in der Vergangenheit da etwas falsch gemacht?
Ruß: Es war sicherlich ein Fehler der Branche, die Rentenversicherung lange Jahre als Renditeprodukt zu vermarkten. Sie ist in erster Linie ein Absicherungsprodukt, eben eine Versicherung gegen das Risiko, länger zu leben, als das Geld reicht. Das sollten die Unternehmen aus meiner Sicht stärker betonen.

Und das soll funktionieren?
Ruß: Davon bin ich überzeugt. Unsere Entscheidungen werden stark davon beeinflusst, wie man die relevanten Informationen präsentiert. In der Verhaltensökonomie nennt man diesen Effekt „Framing“.

Und das reicht?
Ruß: Nein. Man muss zusätzlich den Menschen besser vermitteln, wie hoch eine realistische Lebenserwartung ist. Und viel wichtiger: Wie hoch die Chance ist, noch deutlich länger zu leben als dieser Durchschnittswert. Und dass man das damit einhergehende finanzielle Risiko absichern muss. Darüber hinaus sollten Versicherer diejenigen Details am Produkt ändern, die die Menschen bislang von einer Verrentung abhalten. Viele empfinden es beispielsweise als Nachteil, dass ihr Geld bei einem frühen Tod an das Versichertenkollektiv geht und sie nichts vererben können. Deshalb ist es sinnvoll, die Möglichkeit anzubieten, dass ein Teil der Summe für eine gewisse Zeit nach Rentenbeginn noch vererbt werden kann – bei dann natürlich geringeren monatlichen Bezügen.

Solche Modelle gibt es doch schon.
Ruß: Ja, aber man könnte noch mehr Flexibilität oder alternative Investmentmöglichkeiten in die Rentenphase einbauen. Oder vielleicht höhere Renten anbieten für diejenigen, die krank oder pflegebedürftig sind und deshalb eine kürzere Lebenserwartung haben.

Untergraben solche individuellen Lösungen nicht den Kollektivgedanken einer Versicherung?
Ruß:
Nein. Es gibt ja immer zwei Möglichkeiten, eine Versicherung zu kalkulieren. Sie rechnen entweder für alle Versicherten mit einer durchschnittlichen „Schadenquote“ – also bei der Rentenversicherung mit der durchschnittlichen Lebenserwartung. Oder Sie behandeln verschiedene Personengruppen “risikogerecht“. Beide Fälle haben unterschiedliche Vor- und Nachteile, aber der Kollektivgedanke funktioniert immer. Das Kollektiv gleicht stets die Schwankungen um den Mittelwert aus – ganz gleich, ob er pauschal oder individuell berechnet wird. Mit höheren Renten für gesundheitlich beeinträchtigte Menschen würden die Versicherer auch primär solche Kunden erreichen, die bislang überhaupt nicht verrentet haben und somit gar nicht im Kollektiv waren. Denn eine Auszahlung auf Basis der durchschnittlichen Lebenserwartung ist für diese Menschen tatsächlich weniger attraktiv.

Interview: Karsten Röbisch

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