Cybermob­bing: Inter­view mit Psy­cho­lo­gin Karin Cle­mens

"Cybermob­bing mit Zivil­cou­rage begeg­nen"

Cybermobbing ist psychische Gewalt, besonders Jugendliche leiden. Doch das Problem werde nicht ernst genommen, klagt Psychologin Karin Clemens. Nötig sei eine bessere Medienkompetenz und ein Einschreiten aller, die von Hass und Häme mitbekommen.

Frau Clemens, wer ist denn vor allem von Cybermobbing betroffen?
Karin Clemens:
Jeder kann Opfer eines Cybermobbing-Angriffes werden, sobald er das Internet nutzt, dort Dinge über sich preis gibt und ins Netz stellt. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, weil sie digital aufwachsen - das soziale Leben findet über die digitale Vernetzung statt. Und junge Menschen sind sehr vertrauensvoll und zum Teil zu wenig misstrauisch im Umgang mit den Dingen, die sie im Netz platzieren können. Sie sind damit besonders gefährdet.

Man sollte also genau überlegen, welche Informationen man preisgibt? 
Clemens:
Ja, aber nicht nur bei Informationen und Bildern. Alles, was veröffentlicht wird, kann verzerrt interpretiert und als Beleidigung sozusagen diffamiert werden. Und gerade dieses vertrauensvolle einfache Hochladen und ständig sich zeigen, das ist das Risiko. Und genau das nutzen Cybermobber aus.

Aber was haben die Täter davon, worum geht es ihnen?
Clemens:
Es ist Gewalt, es ist psychische Gewalt. Die Täter wollen über das Medium Internet Macht demonstrieren. Das Erleben und Demonstrieren von Macht ist ein ganz wichtiges Motiv von Gewalttätern, um den eigenen Selbstwert zu steigern. Ein weiteres Motiv kann aber auch eine Entlastung von eigenen Angst- und Wutgefühlen sein. Und nicht selten sind Täter von Cybermobbing selbst einmal Opfer gewesen.

Und wie können sich die Opfer wehren?
Clemens:
Einen Standardablauf gibt es nicht. Wie generell bei Gewalt, muss man zuerst das Opfer in Sicherheit bringen. Opfer dürfen nicht alleine gelassen werden und brauchen dringend Schutz. Das kann nur durch das Stoppen der Mobbing-Attacken erreicht werden. Bei Schülern sollten Eltern, Lehrer oder auch Ausbilder angesprochen werden. In Betrieben ist häufig eine Vertrauensperson oder eine Sozialberatung zuständig. Daneben gibt es Beratungsmöglichkeiten bei der Polizei und Rechtsanwälte, die sich auf die Verteidigung von Mobbing-Opfern spezialisiert haben. Zudem findet man auch auf zahlreichen Internetplattformen Hilfe, beispielsweise „Digitale Helden“ oder das „Bündnis gegen Cybermobbing“. Betroffene können sich auch an ihren Versicherer und über ihre Police dann zum Beispiel an unser Unternehmen wenden.

Mein Eindruck ist, dass Cybermobbing oft gar nicht ernst genommen wird.
Clemens:
Das ist auch mein Eindruck. Ansonsten würde es viel mehr Sensibilisierungsprogramme im Netz beispielsweise zum Datenschutz geben. Ich spreche hier von Medienkompetenz, die erlernt werden kann: kritisches Hinterfragen, welche Risiken bestimmte Medien wie Smartphones oder Tablets mit sich bringen. Aber auch auf welchen Plattformen man unterwegs ist. Wie gehe ich mit Posts um, was stelle ich überhaupt ins Netz und ist mir eigentlich klar, was damit alles passieren kann?

Reicht das schon aus?
Clemens:
Nein, wichtig ist es, sich auch technisch beraten zu lassen, wie man bestimmte beschämende Bilder wieder aus dem Netz rausbekommt, denn ganz so einfach ist das nicht. Einmal ins Netz gestellte Sachen können immer wieder hochpoppen, wieder mit einer riesengroßen Reichweite und Zuschauerraum und wieder mit großer Scham und Selbstwertzerstörung behaftet. Und man muss genau schauen, wie belastet ist der Mensch noch? Wie sehr leidet er darunter? Braucht er therapeutische Hilfe, um das Ganze zu verarbeiten? Und dann muss man reagieren und Hilfe organisieren.

Es sind aber nicht nur Täter und Opfer beteiligt.
Clemens:
Genau, man sollte wissen, dass es eben nicht nur Täter und Opfer, sondern auch Zuschauer gibt. Ich meine diejenigen, die einen Post lesen. Je mehr zuschauen und womöglich den Post auch noch toll finden, umso mehr wird die Absicht der Täter verstärkt. Und dagegen kann man vorgehen. Man muss auch an die Zuschauer appellieren einzuschreiten, wenn sie sehen, dass etwas passiert in Richtung Mobbingattacke, Beleidigung oder Diffamierung. Ich spreche hier von Zivilcourage im Netz: Macht die Augen auf und schaut hin und wenn ihr was seht, schreitet mit ein!

 

Das Interview führte Stephan Schweda

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