Inter­view

"Big Data macht indi­vi­du­el­len Daten­schutz obso­let"

Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger plädiert für einen Paradigmenwechsel beim Datenschutz, empfiehlt Versicherern Big Data zur Analyse von Umweltrisiken zu nutzen – und warnt vor der grenzwertigen Aussagekraft der neuen Datenberge.

Warum wird Big Data den heutigen Datenschutz, wie wir ihn kennen, grundlegend verändern?
Die Komplexität von Big Data erfordert einen anderen gesellschaftlichen Umgang, der den individuellen Datenschutz obsolet macht. Hier müssen wir Mechanismen schaffen, die auf die Verwendung der Daten abzielen und nicht wie bisher auf die Zustimmung der Betroffenen zum Sammeln. Big Data ist ein mächtiges Werkzeug, aber wir brauchen klare gesetzliche Bestimmungen, für welche Bereiche es angewendet werden darf und wo nicht. Diese Grenzen müssen endlich gesellschaftlich diskutiert werden.

Was schlagen Sie vor?
Mein Vorschlag ist, dafür eine neue Expertengruppe zu installieren. Ich nenne sie die Algorithmiker. Das sind Menschen, die geplante Big-Data-Anwendungen schon im Vorfeld bewerten und zertifizieren.

Einerseits wird der digitale Wandel von der breiten Mitte der Gesellschaft vorangetrieben, andererseits ist sie geprägt von der Angst vor Datenmissbrauch, wie auch gerade erst wieder die GDV-Studie Generation Mitte zeigte. Ist dieses Verhalten nicht schizophren?
Ich würde es pragmatisch nennen. In den USA wie auch in Europa sagt die große Mehrheit aller Generationen ja zum Datenschutz. Und gibt man den Menschen die Werkzeuge an die Hand, diesen Wert auch zu leben, werden sie auch verwendet.

Beispiele?
Abermillionen von Jugendlichen nutzen für die halb lustigen Fotos von gestern mittlerweile die Plattform Snapchat, wo die Bilder nach kurzer Zeit wieder gelöscht werden. Der wirtschaftliche Spielraum für einen verantwortungsvolleren Zugang ist also durchaus vorhanden. Trotzdem stehen die Menschen immer öfter vor der Situation: Häkchen machen hinter den AGBs oder im Netz gar nichts machen können. Damit haben wir einen Formalismus von Datenschutz erreicht, der uns im Ergebnis nicht weiterbringt.

Was empfehlen Sie angesichts dessen den Versicherern?
Die treibende Kraft von Big Data ist es, die Wirklichkeit zu erkennen – und zwar in ihrem Detailreichtum und ihrer Multidimensionalität. Big-Data-Analysen könnten also die Versicherungsbranche dabei unterstützen, Großrisiken wie Nuklear- oder Gentechnik oder Umweltrisiken wie Sturm, Hagel oder Überschwemmungen besser zu verstehen – und damit auch der Gesellschaft helfen, Risiken zu vermeiden.


Und wo sind die Grenzen?
Big Data ist nur eine Hochrechnung nach vorn – was es noch nicht gibt, dazu können die Datenberge auch nichts sagen.

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