Kolumne
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Wir wer­den ein­fach immer älter

Vielleicht haben Sie vor einigen Tagen auch die Meldung gelesen: Versicherungsmathematiker haben laut einer US-Studie den vergleichsweise am besten bezahlten und angeblich am wenigsten stressigen Beruf der Welt. Dass Aktuare keinen Stress haben, glaube ich nun nicht. Dafür sorgt in Europa schon Solvency II. Richtig ist aber, dass Mathematiker für unser Geschäft extrem wichtig und uns darum auch etwas wert sind. Denn ohne sie geht bei uns nichts.

Was Ingenieure, Tüftler und Designer für die Industrie, das ist der Aktuar für die Versicherungswirtschaft. Und Daten sind unsere Rohstoffe. Wir brauchen verlässliche Zahlen, um Versicherungen solide zu kalkulieren. Ohne Daten wäre das Versicherungsgeschäft einfach nur ein Glücksspiel. Wie in grauer Vorzeit, als man die Lebenserwartung nur Pi mal Daumen geschätzt hat.

Erste Sterbetafel von 1693: Lebenserwartung von 33 Jahren

Erst Edmond Halley, dessen Namen wir alle ob des nach ihm benannten Kometen kennen, entwickelte eine Methode, um die wahrscheinliche Lebenserwartung eines Menschen zu ermitteln. 1693 veröffentlichte er die erste Sterbetafel und zeigte auch, wie sich auf dieser Basis eine Lebensversicherung solide kalkulieren lässt.
Bei Halleys Sterbetafel betrug die durchschnittliche Lebenserwartung gerade einmal 33 Jahre. Das lag mit an der hohen Kindersterblichkeit damals. Aber auch für erwachsene Menschen war das Leben gefährlich. 25 Prozent der Menschen, die ein Alter von 20 Jahren erreicht hatten, erlebten damals nicht mehr ihren 40. Geburtstag. Eine Absicherung der Familie für den Fall des frühen Todes war darum sehr sinnvoll, um nicht zu sagen: notwendig.

 

Heutzutage ist ein neues „Risiko“ hinzugekommen: Die Menschen werden erfreulicherweise immer älter. Vom „Langlebigkeitsrisiko“ ist deshalb in unserer Branche die Rede. Diese unvergleichliche Wortschöpfung wäre einer eigenen Auseinandersetzung würdig. Aber das ist eine andere Geschichte.

Trotz bester Aussichten auf ein langes Leben wird kaum noch Altersvorsorge betrieben

Wir werden also immer älter. Beispielhaft zeigt das die neue Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes. Das Dilemma allerdings ist, dass junge Menschen heute zwar eine durchschnittliche Lebenserwartung von über 80 Jahren haben – aber trotz bester Aussichten auf ein langes Leben diese Generation kaum noch Altersvorsorge betreibt. Wenn das so weiter geht, wird es für viele Menschen schwer, ihren Lebensstandard im Alter zu halten.

Das hat sicher auch mit der aktuellen Niedrigzinsphase zu tun. Sparen klingt da erst einmal nicht sehr attraktiv. Und viele unterschätzen auch schlicht, wie alt sie werden. Das passiert ja sogar Statistikern. 1986 schätzte das Statistische Bundesamt beispielsweise, dass knapp 22 Prozent aller damals 65-jährigen auch das 85. Lebensjahr erreichen würden. Am Ende waren es über 32 Prozent.

Aber der Punkt ist: Gerade weil die Chancen auf ein langes Leben so gut sind, muss eben auch mehr für die Vorsorge getan werden. Damit das lange Leben dann auch gut wird. Da ist noch viel zu tun – auch für die Versicherer und die Politik.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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