Europa, Kolumne
EU-Daten­schutz­re­form

Wie Brüs­sel Ver­si­che­run­gen teu­rer machen könnte

Derzeit wird um die EU-Datenschutzgrundverordnung gerungen. Es ist gut, wenn Europa endlich einen einheitlichen Datenschutz bekommt. Manche scheinbar verbraucherfreundliche Regelung könnten aber genau das Gegenteil bewirken..

Ich habe vor kurzem etwas in einem neuen Online-Shop bestellt. Als letzten Schritt, bevor ich auf „Bestellen“ klicken konnte, musste ich den AGBs zustimmen. Also habe ich dort das Häkchen angeklickt. Das Kästchen darunter wollte meine Zustimmung, mir den Newsletter schicken zu dürfen. Ich habe darin keinen Nutzen gesehen. Also blieb das Kästchen frei. Für uns in der Versicherungswirtschaft drohen solch freigelassene Kästchen zu einer echten Bedrohung unserer Geschäftsgrundlage zu werden. Sollten sich überzogene Forderungen in den Verhandlungen um die EU-Datenschutzgrundverordnung durchsetzen, bekommen wir Versicherer Probleme.

Ohne Daten gäbe es keine moderne Versicherung

Nein, es geht nicht um Newsletter und nicht um Werbung: Brüssel will ein Häkchen für die statistische Nutzung von Gesundheitsdaten einführen. Kunden müssten dann ein ausdrückliches und separates Ja geben, damit wir ihre Daten weiterhin nutzen dürfen. Die Versicherer müssten wahrscheinlich 100 Millionen Kunden anschreiben. Und bei neuen Verträgen die Möglichkeit lassen, uns eben keine Daten für unsere Statistik zur Verfügung zu stellen. Es beträfe auch Menschen, die bei einem Verkehrsunfall mit einem unserer Kunden verletzt wurden und sicher andere Sorgen haben als die Statistik.

Wir Versicherer brauchen genaue Berechnungen, um sicherzustellen, dass wir die Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden und Geschädigten jederzeit erfüllen können. Zeichnen sich zum Beispiel in der Haftpflichtversicherung höhere Kosten als erwartet für Heilbehandlungen oder Schmerzensgeldzahlungen ab, muss auch entsprechendes Kapital zur Verfügung stehen. Daten helfen auch, Risiken richtig abzuschätzen und Prämien kalkulieren zu können. So haben wir im Laufe der Jahrzehnte immer genauere Statistiken erarbeitet: Heute können wir zum Beispiel vielen Krebspatienten Risikolebensversicherungen oder Berufsunfähigkeitspolicen anbieten, weil wir mithilfe neuer Daten die Risiken viel genauer einschätzen können. Das wissen wir auch durch die Leistungsfälle und Krankheitsverläufe unserer Kunden – die wir selbstverständlich ohne Namen für unsere Statistiken verwenden. Ohne solche Daten gäbe es die moderne Versicherung nicht.

Ungenauigkeit zwingt zu einem Sicherheitsaufschlag

Setzt sich die EU mit ihren Plänen durch, müssten wir künftig wohl mit weniger Daten auskommen. Denn ich vermute, dass viele Kunden ihre Einwilligung verweigern – so wie die meisten das Angebot eines Newsletters ablehnen. Doch das Veto zur Datenverarbeitung hat eine ganz andere Tragweite. Unsere Statistiken würden ungenauer und das stellt uns vor große Probleme. Zum einen mit Blick auf das neue Regelwerk Solvency II, das von den Unternehmen verlangt, ihre Risiken möglichst genau zu berechnen. Hinzu kommt: Wenn Versicherungsmathematiker nicht genug Informationen über ein Risiko haben, müssen sie einen Sicherheitszuschlag einkalkulieren, um im Ernstfall alle Schäden regulieren zu können.

Und dies bekämen am Ende auch die Kunden zu spüren. Sie würden zwar eine größere Macht über ihre Daten erhalten. Doch wenn auch nur wenige Kunden die Nutzung ihrer Daten ablehnen, müssten alle Versicherten mehr für ihre Policen bezahlen. Der Vorschlag aus Brüssel würde zum Eigentor: Eine Lösung, die zum Vorteil der Verbraucher gedacht ist, würde sich ins Gegenteil verkehren.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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