Kolumne
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Weg mit den Vor­ur­tei­len!

Es gibt vermutlich wenige Dinge, die so beständig sind wie Vorurteile: Deutsche essen gerne Sauerkraut, Amerikaner sind im Herzen alle Cowboys und der Franzose geht nicht ohne Baguette und Barett vor die Tür. Zugegeben, ganz so holzschnittartig sehen wir die Welt heute in der Regel nicht mehr. Auch wenn ich schon den Eindruck habe, dass die neuen Konflikte in Europa und der Welt so manches totgeglaubte Vorurteil wieder zu neuem, unheiligem Leben erwecken.

Viele Vorurteile überdauern aber vor allem, weil sie so schön plausibel klingen. In die Kategorie gehört zum Beispiel der Glaube, dass die Deutschen immer auf Nummer sicher gehen würden – und umgekehrt, dass beispielsweise Briten und Amerikaner das Risiko viel mehr lieben als wir. Natürlich steckt im Kern ein bisschen Wahrheit. Während etwa jeder Vierte Amerikaner und Brite direkt in Aktien investiert, sind es in Deutschland gerade einmal fünf Prozent – dafür war das Sparbuch hierzulande lange Zeit sehr populär. Und natürlich lieben die Deutschen ihren Sozialstaat, während in den Vereinigten Staaten bereits die Einführung einer Krankenversicherungspflicht heftige politische Auseinandersetzungen auslöst.

Auf den zweiten Blick

Es gibt Unterschiede, keine Frage. Aber wer etwas genauer hinsieht, der sieht auch, dass das Vorurteil so ganz nicht stimmen kann. Zum Beispiel ist der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands und vor allem unserer vielen mittelständischen Unternehmen kaum zu erklären ohne ein gewisses Maß an Risikobereitschaft und, im wahrsten Sinne des Wortes, Unternehmungslust. Und umgekehrt suchen Amerikaner und Briten eben auch nicht jeden Tag den Kitzel des Abenteuers – sondern haben ebenfalls ein Bedürfnis nach Sicherheit.

 

Wer zum Beispiel einmal durch das Statistische Taschenbuch des GDV blättert, kann da durchaus eine Überraschung erleben. Denn die Deutschen sind im internationalen Vergleich keinesfalls Spitzenreiter in Sachen Versicherung. Die Ausgaben für Versicherungsprämien in Deutschland liegen mit einem Anteil von 6,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt nur knapp über dem internationalen Durchschnitt. Deutlich vor uns: die Amerikaner mit 7,5 Prozent und die Briten, die sogar über elf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Versicherungen aufwenden.

Die Klischees stimmen so nicht

Man sieht: Nicht nur wir Deutschen sondern auch Briten und Amerikaner investieren in ihre Sicherheit; übrigens gerne auch bei deutschen Versicherern, weil wir – das ist diesmal kein Klischee – als besonders sicher gelten. Die Bilder vom überversicherten Deutschen und dem Amerikaner, der gerne ohne Netz und doppelten Boden durchs Leben geht, stimmen so holzschnittartig also nicht. Sicher, es gibt Unterschiede. Kultur und Geschichte prägen Menschen und Gesellschaften in ganz unterschiedlicher Weise. Aber Vorurteile überzeichnen diese Unterschiede – und überdecken die Gemeinsamkeiten. Deshalb: weg mit ihnen!

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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