Kolumne
Kolumne Deutsch­land-Rente

Was Kon­rad Lorenz mit dem schwe­di­schen Pen­si­ons­fonds und der Ries­ter-Rente zu tun hat

Er wird fast gebetsmühlenartig vorgetragen: Der moralisierende Vorwurf, Versicherer würden Kunden „abzocken“, weil die Riester-Rente erheblich teurer sei als ein vermeintlich vorbildlicher Staatsfonds aus Schweden. Einspruch: Die Argumentation ist perfide, denn Komplexität und Kosten werden bestimmt durch den gesetzlichen Rahmen der Riester-Förderung.

Der schwedische Pensionsfonds ist der bessere Riester und deshalb muss man ihn in Deutschland einführen. So wird hierzulande derzeit Lobby gemacht. Dieser Fonds stand auch Pate für das hessische Konzept der sogenannten Deutschland-Rente. Die Argumentationslinie: Die Riester-Rente sei zu teuer; sie sei im Übrigen auch gescheitert, entweder weil sie nicht jeder hat, oder weil unter den vielen, die sie haben, nicht alle sie voll besparen. Die Lösung unserer Probleme liegt also in Schweden, sprachlich assimiliert mutiert die schwedische Riester-Rente zur Deutschland-Rente.

Mir fällt dazu Konrad Lorenz ein, der Vater der evolutionären Erkenntnistheorie. Er sagte einmal den bemerkenswerten Satz: Die Flosse des Fisches ist ein Abbild des Wassers, wie der Flügel des Vogels Abbild der Luft ist. Er meinte damit, wenn wir die Unterschiede der verschiedenen Erscheinungsformen der Wirklichkeit verstehen wollen, müssen wir die formgebende Umwelt verstehen, die Bedingungen unter denen sie sich entwickelt haben. Und hier lohnt es einmal, die Voraussetzungen der beiden sehr unterschiedlichen Vorsorgekonzepte zu sezieren.

Obligatorisch in Schweden, freiwillig in Deutschland

Zunächst, warum der schwedische Pensionsfonds AP7 mit seinen Kosten auf dem typischen Niveau der gesetzlichen Rentensysteme liegt: Er ist eben kapitalgedeckter Teil der obligatorischen Sozialversicherung in Schweden. Dagegen sind Riester-Verträge Teil der freiwilligen privaten Altersvorsorge. Die Kosten sind die üblichen für Retail-Produkte.

Während in Schweden der Staat mit gesetzlichem Zwang für eine 100 prozentige Verbreitung sorgt, gäbe es in Deutschland nicht einmal die beachtlichen 40 Prozent Verbreitung, wenn die Kunden nicht durch aufwendige Überzeugungsarbeit von hunderttausend Vermittlern einzeln für zusätzliche Eigenvorsorge motiviert und gewonnen worden wären.

Dabei sind in Schweden alle Erwerbstätigen einbezogen. In Deutschland machen wir uns das nicht so einfach. Hierzulande wird der „förderberechtigte Personenkreis“ bürokratisch auf zwei DIN-A4-Seiten aufgelistet, mit der Folge, dass 30 Prozent der Förderberechtigten denken, sie seien es gar nicht.

Während in Schweden der Eigenbeitrag mit 2,5 Prozent fest definiert ist und vom Arbeitgeber abgeführt wird, zwingt das Riester-Verfahren dazu, Jahr für Jahr Vorjahreseinkommen, Kindergeldansprüche und Berufsstatus zu erfassen. Passieren hier Fehler, wird die Förderung eben rückabgewickelt, oft erst Jahre später. Erklären muss das dann der Vermittler oder der Anbieter. Viele Kunden kündigen verärgert die Verträge oder stellen sie einfach beitragsfrei.

Stichwort Bedarfsgerechtigkeit: In Schweden ist im „Sofa“-Fonds AP7 qua Gesetz 135 Prozent Aktienquote (durch Hebelgeschäfte) für jeden Schweden unter 55 Jahren risiko- und damit bedarfsgerecht. In Deutschland muss der Kunde zu seiner Risikoneigung befragt werden, für den Erhalt der gezahlten Beiträge haftet der Anbieter.

Während in Schweden der Fonds nur einen simplen Sparprozess durchführt, wollte der Gesetzgeber in Deutschland Wettbewerb durch maximale Vielfalt, und ließ neben Versicherern auch Fonds, Banken und zuletzt auch noch Bausparkassen mit ihrem jeweiligen Produktportfolio zur Förderung zu. Und dann zwingt er die Anbieter auch noch zu atypischen Geschäftsvorfällen, etwa Entnahmen für Wohnbau- und Sanierungszwecke zu ermöglichen. Dann muss er für 3000 Euro Entnahme fiktive Konten anlegen und verwalten, und zwar kostenlos. Ein Beispiel für gesetzlich gewollte Sonderleistungen für Wenige, mit erheblichen Zusatzkosten für Viele.

Warum ich Sie mit dieser Aufzählung, die noch dazu nicht einmal abschließend ist, strapaziere? Weil es genau der gerade geschilderte gesetzliche Rahmen ist, der zu Einfachheit und Kostensparsamkeit in Schweden führt, und zu Komplexität, hohem Bürokratieaufwand und Unübersichtlichkeit in Deutschland. Die Einhaltung aller Bedingungen überwachen hier gleich drei Behörden: die Zertifizierungsstelle, die Produktinformationsstelle Altersvorsorge und die Zulagenstelle in Brandenburg.

Schwedischer Pensionsfonds auf der einen und Riester-Rente auf der anderen Seite sind im Sinne von Konrad Lorenz eben Abbilder des sie jeweils formenden gesetzlichen Rahmens. Das bedeutet: Wir könnten unsere Produkte zwar ein Stück weit vereinfachen, in dem wir die Vielgestaltigkeit reduzieren. Aber der Großteil der Arbeit und des Weges zu mehr Einfachheit und niedrigeren Kosten liegt im gesetzlichen Rahmen. Durch mannigfaltige, oft atypische und aufwändige Anforderungen formt er die Riester-Produktwelt wie sie heute ist.

Den gesetzlichen Rahmen entschlacken; das Förderverfahren maximal vereinfachen

Der moralisierende Vorwurf gegenüber den Anbietern, sie würden Kunden „abzocken“, weil die Riester-Rente erheblich teurer sei als der Staatfsfonds in Schweden, wie er teils gebetsmühlenartig vorgetragen wird, ist perfide. Er täuscht erstens darüber hinweg, dass die eigentliche Herausforderung im gesetzlichen Rahmen der Riester-Förderung liegt. Er täuscht zweitens darüber hinweg, dass es mitnichten eine Lösung ist, einfach den Staat als Überkonkurrenten gegen die privaten Anbieter ins Feld zu schicken. Wenn wir nennenswert Kosten sparen und Riester verständlicher machen wollen, müssen wir den gesetzlichen Rahmen entschlacken und das Förderverfahren maximal vereinfachen.

 Das ist die Aufgabe, wenn wir in dieser Legislaturperiode endlich einmal die private Altersvorsorge stärken wollen.

 Ihr

 

 Jörg von Fürstenwerth

Zur Startseite