Kolumne
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Von wegen deut­sche Effi­zi­enz

Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle dafür plädiert, kritisch gegenüber Vorurteilen zu sein. Etwa wenn es um die verbreitete Vorstellung geht, dass Deutsche stets risikoscheu und zaudernd sind, Briten oder Amerikaner hingegen immer wagemutig und beherzt. Wie fragwürdig Klischees sind, bestätigt sich auch in dieser Woche.

Wir Deutsche gelten ja gemeinhin als Organisationstalente, als Meister der Planung und Projektsteuerung. Doch dieses Bild bekommt erhebliche Risse, wenn ich mir die Ergebnisse der gestern vorgestellten Studie der Hertie School of Governance anschaue. Insgesamt haben die Forscher 170 öffentliche Großprojekte untersucht und festgestellt, dass Budgetüberschreitungen wie beim Berliner Flughafen BER eher die Regel als die Ausnahme sind. Von deutscher Ordnung, Effizienz und Gründlichkeit keine Spur.

Öffentliche Großprojekte im Schnitt 70 Prozent teurer

Insgesamt haben die untersuchten Großprojekte 59 Milliarden mehr gekostet als ursprünglich veranschlagt. Also: 59.000.000.000 Euro. Dafür könnte man rund um Berlin noch einmal zehn Hauptstadtflughäfen nach der Methode BER bauen. Und hätte immer noch ein paar Milliarden übrig. Im Schnitt lagen die Kosten der bereits abgeschlossenen Projekte mehr als 70 Prozent über Plan. Die teils eklatanten Fehlkalkulationen erklären die Autoren der Studie unter anderem mit unerfahrenen Planern und einer systematischen Unterschätzung der Risiken.

 

Ich finde die Studienergebnisse sehr aufschlussreich, vor allem wenn ich an die aktuelle Debatte über eine stärkere Beteiligung privater Investoren an Bauvorhaben denke. Kritiker öffentlich-privater Partnerschaften (ÖPP) sehen darin ja stets ein schlechtes Geschäft für den Staat, weil er sich günstiger Kapital besorgen kann als ein Unternehmen. Das ist zweifellos richtig. Was beim Vergleich der Alternativen aber allzu oft unterschlagen wird, ist die Gefahr von Mehrkosten. Und wie groß dieses Risiko ist – das macht die Studie sehr deutlich.

ÖPP sind ein gutes Absicherungsinstrument

Ich will gar nicht in die Diskussion einsteigen, ob und warum private Unternehmen vielleicht grundsätzlich bessere Planer sind als die öffentliche Hand (und das Vorurteil über die gründlichen Deutschen also vielleicht doch ein bisschen stimmen könnte). Ich will nur auf den Vorteil von ÖPP-Projekten als Absicherungsinstrument hinweisen. Damit kann der Staat Projekt- und Planungsrisiken reduzieren. Denn wenn es richtig gemacht ist, übernimmt bei einem ÖPP solche Risiken ein Unternehmen – und wenn es Fehler macht, muss es auch die Folgen tragen. Eventuelle Mehrkosten landen dann jedenfalls nicht beim Steuerzahler.

Natürlich, nicht immer liegen die Gründe für Kostensteigerungen in Planungs- und Managementfehlern. Darauf weisen auch die Autoren der Studie hin. Unbekannte Risiken lauern oft und überall, und auch ein privater Investor wird nicht alle Unwägbarkeiten im Voraus abschätzen können. Und dieses Risiko kalkuliert er eben ein. Deshalb muss sich auch niemand wundern, wenn Privatunternehmen entsprechende Renditevorstellungen haben. Das macht sie jedenfalls nicht zu gewinnsüchtigen Investoren, die sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Auch das ist ein Klischee – das sich bei näherer Betrachtung als sehr brüchig erweist.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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