Kolumne
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Vom zwei­ten Maschi­nen­zeit­al­ter

Über die Widersprüchlichkeit des Fortschritts ist schon fast zu viel geschrieben worden, am eindringlichsten vielleicht in jüngerer Zeit von Carl Friedrich von Weizsäcker, dem älteren Bruder des gerade verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten. Der Physiker und Philosoph hat in seinen Beiträgen zur Dialektik des Fortschritts immer wieder auf die persönliche Verantwortung der Forscher bei der Entwicklung neuer Technologien hingewiesen: dabei auch stets die negativen Folgen von Fortschritt im Blick zu haben. Diese Verantwortung freilich haben nicht nur die Forscher, sie gilt auch für Unternehmer, die Innovationen auf den Markt bringen.

Nehmen wir den Megatrend Digitalisierung, der entfaltet auch in unserer Branche seine gewaltige Veränderungsenergie. Am sinnfälligsten wird das derzeit wahrscheinlich in der Diskussion um Gesundheitsdaten-Apps. Hier ist eine spannende Debatte im Gang, sie trägt spezifisch deutsche Züge, weil sie den Wert des Datenschutzes sehr betont und gleichzeitig die Gefahren solcher Innovationen hervorhebt. Die Skeptiker, darunter viele Autoren einflussreicher Zeitungen und Magazine, warnen bereits, dass derlei Innovationen letztlich zur „Atomisierung des Kollektivs“ und damit zur Infragestellung des Versicherungsprinzips insgesamt führen könnten.

Wir müssen diese Vorbehalte sehr ernst nehmen. Längst wird die Debatte auch international geführt. Gerade hat Paul Evans, Chairman des britischen Versicherungsverbands in der „Financial Times“ davor gewarnt, dass Big Data dazu führen könne, dass bestimmte Gruppen der Gesellschaft von Versicherungsschutz ausgeschlossen werden. Aber wir müssen auch die Argumente der Befürworter ernst nehmen, die argumentieren, solche von Apps und Smartphones begleiteten Tarife förderten allenfalls gesundes Leben, ließen aber diejenigen, die nicht daran teilnehmen, unbehelligt.

Faktum ist, dass hier eine Grundsatzfrage zur Zukunft des Versicherungsprinzips gestellt wird. Dass sie von uns Antworten erfordert, ist jedenfalls sicher. Wer daran zweifelt, dem empfehle ich die Lektüre eines Artikels über den „digitalen Gesundheitsmarkt“, den ich im Handelsblatt las. Hierbei geht es darum, dass die Wirkung von Medikamenten elektronisch gemessen und nachgewiesen werden kann, per Chip, App und Mobiltelefon. Experten gehen davon aus, dass dieser Markt sich bis zum Jahr 2020 auf 230 Milliarden Dollar belaufen wird. Digitaltechnologie und Pharmaindustrie seien dabei zusammenzuwachsen, sagt ein führender Manager. Für uns Versicherer sollte das nicht gelten?

Das „Zweite Maschinenzeitalter“, ein Begriff, den das Massachusetts Institute of Technology geprägt hat und das auch unser Präsident in seinen Reden gerne zitiert, es ist schon in vollem Gang. Wir werden viel über das Thema hören, viel darüber reden in den kommenden Wochen und Monaten, da bin ich mir sicher. Ich bin froh, dass wir das bald ganz besonders intensiv tun werden: Der Deutsche Verein für Versicherungswissenschaft hat das erste Plenum seiner Jahrestagung in Berlin Mitte März dem Thema der „Fragmentierung der Kollektive“ gewidmet.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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