Kolumne
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Unter­schied­li­che Blick­win­kel

Mit dem Aschermittwoch beginnen die Tage der guten Vorsätze. Glaubt man aktuellen Umfragen, so liegt bewusster Verzicht bei uns Deutschen sehr im Trend. Eine Mehrheit ist demnach bereit, auf Alkohol oder Süßes zu verzichten. Dabei steckt im Aschermittwoch ja noch mehr als nur Verzicht und Fastenzeit.

Ich will hier nicht grundsätzlich werden und theologische Dimensionen bemühen, aber schon der Rheinländer in mir sagt, dass mit dem Aschermittwoch eine grundsätzlich veränderte Haltung verbunden ist. Sagen wir einfach, es beginnt die etwas andere Zeit. Das Leben wird, im närrischen Zusammenhang gesprochen, schlichtweg ernster. Der expressionistische Dichter Alfred Lichtenstein hat das in seinem Gedicht „Aschermittwoch“ eindrucksvoll und scheinbar eindimensional platt so beschrieben: „Etwas sieht so aus. Etwas sieht anders aus“.

Nehmen wir ihn beim Wort und uns die Zeit, die Dinge einmal aus etwas anderem Blickwinkel zu betrachten. Wenn ich im Zusammenhang mit der Lebensversicherung die Worte „legaler Betrug“ lese, dann nehme ich mir vor, das sportlich zu sehen und den Ärger auf die Zeit nach Ostern zu verschieben. Dies durchaus auch in der vorösterlichen Hoffnung, dass bei einem Teil unserer Kritiker auch dann wieder Augenmaß einkehren mag – und ein Mindestrespekt vor den Urteilen unseres höchsten Zivilgerichts, selbst wenn der BGH nicht ihrer Rechtsauffassung folgt. Was ist da im Vorfeld für ein Shitstorm auf die Branche niedergegangen! Blöd nur, dass die Richter es anders gesehen haben. Und dann blieb mal wieder nur „der legale Betrug“……

Blicke ich aus dem Fenster meines Büros, dann flattert da in einiger Entfernung eine große griechische Flagge im kalten Berliner Februarwind. Lange Zeit habe ich gar nicht richtig darauf geachtet. Dieser Tage schaue ich regelmäßig hin. Und gerate, Aschermittwoch hin oder her, ins Grübeln. Denn ein Europa ohne Griechen kann ich mir grundsätzlich gar nicht vorstellen. Beim Euro ist das etwas anders, da bleibt ja die Frage im Raum, ob die Griechen sich selbst und uns überhaupt einen Gefallen getan haben, als sie Teil der Währungsunion wurden. Ich wünsche den politisch Verantwortlichen, dass sie die Herausforderungen der kommenden Tage ruhig und besonnen bewältigen. Und dabei vielleicht das ein oder andere Problem auch einmal aus anderem als dem gewohnten Blickwinkel betrachten.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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