Kolumne
Kolumne Rechts­ra­di­ka­lis­mus

Und wie­der ein Angriff auf die offene Gesell­schaft

Hass-Kommentare auf Facebook sind alarmierend. Es ist unerträglich, dass jüdische Mitbürger in unserem Land wieder um ihr Leben fürchten müssen. Die Versicherungsbranche stellt sich ihrer historischen Verantwortung – bis heute.

Ich komme gerade aus den Vereinigten Staaten zurück. Ein Kollege und ich waren über den 9. November dort. Das war der 78. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht, die den Beginn der organisierten und offenen Gewalt gegen Juden im Dritten Reich markierte. Wir wurden mit einer Facette der viel diskutierten Hass-Kommentare auf dem Netzwerk Facebook konfrontiert. Da ging es um eine Seite einer deutschen Gruppe, auf der unter der Frakturüberschrift „Juden unter uns“ und der Kommentierung: „Heute ist wirklich ein schöner Tag“ auf einer Karte Berlins 70 Adressen jüdischer Einrichtungen und jüdischer Geschäfte aufgelistet wurden.

Es ist unerträglich, dass jüdische Mitbürger in unserem Land wieder um ihr Leben fürchten müssen – und in welch infamer Weise an die „Night of Broken Glass“ angeknüpft wird.

Unsere Branche hat die Bücher längst nicht geschlossen

Dieses Thema hat eine Menge mit der Versicherungswirtschaft zu tun: Man kann unserer Branche sicher vorwerfen, dass sie, wie die Generation unserer Eltern beziehungsweise Großeltern, in den ersten Jahrzehnten nach der Befreiung von der Nazidiktatur die Vergangenheit und ihre Beteiligung und Verstrickung darin nicht ausreichend aufgearbeitet hat. Sehr spät und anfangs nicht freiwillig hat aber eine neue Generation von Verantwortlichen in den Unternehmen die eigene historische Verantwortung erkannt und sich dazu bekannt. Versicherer haben gelernt und sich der Verantwortung gestellt. Die offiziellen Verfahren zur sogenannten „Wiedergutmachung“ sind schon vor Jahren abgeschlossen worden.

Unsere Branche hat die Bücher aber längst nicht geschlossen. Auch heute bearbeiten wir jede Anfrage nach einem vielleicht noch nicht ausgezahlten oder entschädigten Versicherungsvertrag. Der GDV koordiniert dieses Verfahren. Deshalb waren mein Kollege und ich in New York. Beim Holocaust Claims Processing Office – einer Behörde des Staates New York – laufen alle entsprechenden Anfragen aus den USA zusammen. Unser Verband versucht dabei, auftretende Probleme schon im Vorfeld zu lösen.

Damit allein lassen wir es nicht bewenden. Seit vielen Jahren unterstützen wir das Leo Baeck Institut, benannt nach dem Berliner Rabbiner Leo Baeck, ebenso wie die Bildungsarbeit des Jüdischen Museums Berlins. Schauen Sie doch einmal auf die entsprechenden Homepages, es lohnt sich.

Viele kleine Lichter zusammen erhellen die Welt

All dies ist Teil des gesellschaftlichen Engagements der Versicherer. Gewiss, das sind nur kleine Lichter, die wir als Verband hier leuchten lassen. Aber viele kleine Lichter zusammen erhellen die Welt.

Darum ist es auch für Versicherer ein Alarmzeichen, wenn 70 jüdische Einrichtungen in Berlin auf einer potenziellen Anschlagsliste stehen. Wir müssen dem Hass trotzen – für eine offene Gesellschaft.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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