Kolumne
Natur­ge­fah­ren

Star­kre­gen, die unter­schätzte Gefahr

Versicherer werden nicht müde, vor den Folgen von Naturgefahren zu warnen. Heftige Niederschläge schlagen dabei immer stärker ins Kontor.

Vielleicht haben Sie in den vergangenen Tagen die Bilder der Mittelmeerküste Südfrankreichs gesehen? An der Côte d’Azur herrscht Ausnahmezustand: Auslöser der Überschwemmungen waren heftige Unwetter am Samstagabend. In einigen Regionen fiel nach Angaben der Behörden innerhalb von drei Stunden die Regenmenge von zwei Monaten. Viele Menschen starben, weil sie von den Fluten überrascht wurden: Tausende Haushalte waren ohne Strom, überflutete Campingplätze mussten evakuiert werden, zig Menschen haben ihr Hab und Gut verloren.

292 Liter Regen pro Quadratmeter binnen sieben Stunden

An diesem Beispiel können Sie erkennen, welche dramatischen Folgen Starkregen haben kann. Wir Versicherer werden nicht müde, vor diesem Wetterphänomen zu warnen. Gerade erst haben wir unseren Naturgefahrenreport für das Jahr 2014 vorgelegt, der einen Schwerpunkt auf dieses Thema legt.

Szenen wie in Südfrankreich haben sich im vergangenen Jahr auch im westfälischen Münster abgespielt. Die Stadt wurde Ende Juli von Regenfluten überrascht: Zwei Menschen starben, hunderte Wohnungen waren unbewohnbar, monatelang dauerte die Beseitigung der Schäden. 292 Liter regnete es binnen sieben Stunden pro Quadratmeter. Normalerweise fallen nur rund 76 Liter im gesamten Monat Juli. Damit waren die Wassermassen der heftigste Starkregen Deutschlands seit dem Jahr 2002. Die Bilanz für Münster: Rund 30.000 versicherte Sachschäden, für die unsere Branche rund 200 Millionen Euro geleistet hat.

 

Mit der reibungslosen Regulierung dieser Schäden ist die Arbeit aber längst nicht erledigt: Wir wollen im Ernstfall starker Partner unserer Kunden sein, ihnen auch bei der Beseitigung von Schäden helfen – mit unserer Erfahrung, aber auch mit unserem Netzwerk, etwa bei der Vermittlung von Handwerkern. Vor allem aber wollen wir aufklären und beraten unsere Kunden frühzeitig präventiv. Dafür nutzen wir unsere Expertise und Erfahrung, wollen aber auch neue Erkenntnisse gewinnen. Gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst erforschen wir etwa, wo Starkregen in Deutschland welche Schäden anrichtet. Ziel des Projekts ist eine Gefahrenkarte, die für jede Region das lokale Starkregenrisiko aufzeigt. Schon im Jahr 2011 haben Versicherer und Klimaforscher gemeinsam an einer Studie gearbeitet: Demnach könnten sich die Schäden durch Überschwemmungen bis zum Jahr 2100 verdoppeln.

Starkregen offenbart natürliche Grenzen

Am meisten beeindruckt hat mich zu diesem Thema ein Interview mit dem Leiter der Münsteraner Feuerwehr, das sie ebenfalls in unserem aktuellen Naturgefahrenreport finden. Die Starkregenkatastrophe hat Benno Fritzen und seine Mannschaft nach eigenem Bekunden an die Grenze gebracht: Rund 13.000 Notrufversuche gab es am 28. Juli 2014 binnen acht Stunden, ist hier zu lesen. An normalen Tagen seien es nur um die 100 Anrufe – allerdings innerhalb von 24 Stunden. Ausgelegt sei die Feuerwehr Münster bald auf 10.000 Notrufe pro Tag. Mehr sei nicht drin: „Technisch nicht, personell nicht, finanziell nicht.“ Die Bevölkerung müsse wissen, wie sie sich zumindest bis zu einigen Tagen selbst helfen könne, sagt der Mann, der in Münster auch für den Katastrophenschutz verantwortlich ist.

Fritzens Resümee: „Ehrliche Kommunikation heißt: Der Staat hat Leistungsgrenzen.“

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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