Kolumne Digi­ta­li­sie­rung

Sie­ben Posi­tio­nen zum Fin­Tech Akti­ons­plan der EU

Die Versicherungsbranche wandelt sich rasant, um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können: Moderne IT-Systeme, Cloud-Lösungen, neue Technologien wie künstliche Intelligenz, Blockchain oder Telematik. Damit unsere Kunden von solchen Angeboten auch profitieren können, darf Regulierung das innovative Potenzial nicht abwürgen.

Versicherer werden immer digitaler. In den Zahlen der GDV-Statistik ist diese Entwicklung längst ablesbar: Während in der Schaden- und Unfallversicherung im Jahr 2013 nur knapp jedes achte Kundenanliegen von Anfang bis Ende vollautomatisiert bearbeitet werden konnte, ist es heute bereits jedes vierte. Auch in der Lebensversicherung stieg der Anteil der vollautomatisierten Bearbeitung von vier Prozent auf elf Prozent. Durch die gesteigerte Zahl der automatisierten Vorgänge können Anfragen schneller abgeschlossen werden.

2017 gaben deutsche Versicherer 4,45 Milliarden Euro für ihre IT aus

Dieser Prozess ist längst nicht ausgereizt: Im vergangenen Jahr haben die deutschen Versicherer erstmals mehr Kundenanliegen per E-Mail als via Papierpost erhalten. Kein Wunder: 2017 gaben deutsche Versicherer insgesamt 4,45 Milliarden Euro für ihre ihre Informationstechnologie aus – und damit damit liegen die jährlichen Ausgaben rund 11 Prozent höher als noch fünf Jahre zuvor.

Und international? Zahlen des Beraters RPC legen nahe, dass die Zahl der eingereichten Patente für Innovationen mit Versicherungsbezug weltweit in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt hat – ausgelöst werde dieser Trend durch die steigende Bedeutung neuer, digitaler Technologien.

Im Sinne unserer Kunden müssen wir alle Chancen der Digitalisierung nutzen. Mit InsurTechs stehen ganz neue Wettbewerber in den Startlöchern. Sie werden klassische Versicherer sicherlich nicht verdrängen, können aber schnell Marktnischen besetzen.

Machen wir uns dabei klar: Etablierte Versicherer haben beachtliche Stärken, die von den Newcomern kurzfristig kaum nachgebildet werden können – etwa die Kenntnis der gesamten Wertschöpfungskette, Erfahrung mit Regulierungsvorgaben und nicht zuletzt die Finanzkraft.

GDV unterstützt FinTech-Aktionsplan der EU-Kommission

Das alles ist aber absolut kein Grund nicht aktiv nach vorne zu schauen. Wir brauchen einen fairen, wettbewerbsfähigen Rahmen, der genug Raum für Unternehmer- und Pioniergeist schafft – und lässt. Schon weil etliche Versicherer selbst bereits Innovation Labs betreiben, Venture Capital Fonds auflegen oder Start-ups gründen. Deshalb unterstützt unser Verband den Aktionsplan der EU-Kommission, mit dem der Standort Europa für FinTechs gestärkt und wettbewerbsfähig erhalten werden soll.

Dabei kommt es deutschen Versicherern vor allem auf sieben Punkte an, die wir in einem Positions-Papier ausführlich diskutieren:

  1. Konsequenter Einsatz des Proportionalitätsprinzips: Eine differenzierte Regulierung muss möglich sein, die risikoärmere Versicherer von Bürokratie entlastet – und damit mehr Ressourcen für Innovationen schafft.
  2. Einheitliche Wettbewerbsbedingungen zwischen etablierten Versicherern und InsurTechs sicherstellen: Über den Markterfolg muss das Angebot guter Produkte und Dienstleistungen für die Kunden entscheiden. Marktverzerrungen durch ungerechtfertigte Unterschiede in der Regulierung müssen vermieden werden.
  3. Regulierung muss technologie-neutral erfolgen: So darf die Kommunikation mit Kunden per E-Mail oder über Messenger-Dienste nicht durch überhöhte datenschutzrechtliche Anforderungen behindert werden. Alle Prozesse sollten nahtlos, sicher und medienbruchfrei über elektronische Kanäle abgewickelt werden dürfen.
  4. Regulierung sollte grundsätzlich nicht ausufern: Ein immer nur „Mehr“ an Regulierung ist nicht zielführend, denn gute Regulierung muss ein hohes Maß an Sicherheit und Finanzstabilität gewährleisten; sie muss aber eben auch Wachstum und Innovation zulassen. Oder anders ausgedrückt: Soviel wie nötig, aber eben auch so wenig wie möglich. Nach den Erfahrungen mit dem Aufsichtssystem Solvency II wissen Versicherer sehr genau, wozu überbordende Bürokratie führen kann.
  5. Regeln für das Cloud-Computing in Europa harmonisieren und vereinfachen: Europa hat mit hohen Datenschutzstandards eine gute Ausgangsposition, sich zu einem führenden Standort für diese Technologie zu entwickeln, das regulatorische Umfeld ist allerdings noch zu komplex und vor allem fragmentiert.
  6. Regeln für Cybersecurity in Europa angleichen bevor wir über neue Vorgaben nachdenken: In einer zunehmend vernetzten Welt steigen auch die Gefahren durch Cyberkriminalität. Die Versicherungsbranche ist mit ihrer Expertise und ihren Angeboten ein Teil der Lösung dieses Problems. Dazu bedarf es aber eines koordinierten Handelns der Aufsichts- und Sicherheitsbehörden in Europa.
  7. Diskriminierungsfreien Zugang zu Daten herstellen: In der vernetzten Welt entstehen neue Daten. Beispiel Automobil: Wir müssen so schnell wie möglich die Frage klären, wer über die neuen Daten aus vernetzten Autos verfügen darf. Die Haltung der deutschen Kfz-Versicherer ist klar: Die Daten gehören nicht den Automobilherstellern, sondern in die Hände der Autofahrer. Sie müssen die maximale Kontrolle über die Daten haben und sollten frei entscheiden können, ob, wann und wem sie welche Daten senden oder von wem sie wann welche Dienstleistung erhalten möchten.

Übrigens: Start-ups sind bereits Mitglied unseres Verbandes. Weitere InsurTechs interessieren sich für eine Mitgliedschaft. Kein Wunder, denn die gemeinsamen Ziele sind gar nicht so verschieden, wie man vielleicht denken mag. Gerade die Regulierung macht die Hilfe eines starken Verbandes erforderlich. Ein Beispiel? Man glaubt gar nicht, wie schwer es im Versicherungsgeschäft nach wie vor ist, auf die Papierform und die persönliche Unterschrift zu verzichten – ein Problem, das etablierte Versicherer genauso wie die Newcomer betrifft.

Ihr

 

Jörg von Fürstenwerth

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