Kolumne
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Sie leben wahr­schein­lich län­ger, als Sie den­ken

Die Deutschen sind nicht die Spar- und Vorsorgeweltmeister, für die sie sich gerne halten. Leider. Alle reden über den demographischen Wandel und die Lücken in der gesetzlichen Rente. Aber immer noch tun viele nichts oder zu wenig, um für das Alter vorzusorgen. Gründe dafür gibt es viele: Niedrige Zinsen, die Sparen unattraktiv erscheinen lassen. Oder eine Politik, die zwar Milliarden Euro für Wahlgeschenke ausgibt, aber nicht in die Altersvorsorge der Zukunft investiert.

Oft beginnt das Problem aber auch bei uns selbst – weil wir schlicht unterschätzen, wie alt wir tatsächlich werden. Denken Sie nur einen Moment über sich selbst nach. Glauben Sie, dass Sie 90 Jahre alt werden? Das Umfrageinstitut Ipsos hat diese Frage vor kurzem 1.000 Deutschen gestellt. Über 80 Prozent der Befragten waren der Meinung: nie und nimmer!

Damit dürften erfreulich viele Menschen falsch liegen. Wer beispielsweise wie ich im Jahr 1954 geboren wurde, der wird mit einer Wahrscheinlichkeit von ungefähr 35 Prozent seinen 90. Geburtstag feiern können. Bei 45-jährigen liegt die Wahrscheinlichkeit schon bei über 40 Prozent, wenn man die eher vorsichtigen Annahmen des Statistischen Bundesamtes zugrunde legt. Versicherungsmathematiker kalkulieren sogar noch etwas optimistischer; auch aus Vorsicht, damit ausreichend Kapital für die lebenslange Rente zurückgelegt wird. Aber selbst die Experten unterschätzen den Fortschritt manchmal. 1987 beispielsweise schätzte das Statistische Bundesamt, dass knapp 22 Prozent aller Männer im Alter von 65 Jahren auch ihren 85. Geburtstag erleben würden. Die Versicherer waren zuversichtlicher und gingen von gut 26 Prozent aus. Tatsächlich waren es schließlich sogar 32 Prozent.

Viele unterschätzen ihre Lebenserwartung deutlich

Aber woran liegt es, dass viele Menschen ihre persönliche Lebenserwartung deutlich unterschätzen? Es ist, wie so oft, eine Frage der Wahrnehmung. So weisen die offiziellen Statistiken heute für Männer eine Lebenserwartung von knapp 78 und für Frauen von rund 83 Jahren aus. Aber: Das ist nur der Durchschnitt der Sterbefälle eines Jahres, keine Prognose für die Zukunft. Darauf weist auch das Statistische Bundesamt regelmäßig hin. Trotzdem setzen diese Zahlen sich in unseren Köpfen fest. Auch deshalb, weil sie mit dem übereinstimmen, was wir in unserem Lebensumfeld beobachten. Wir haben die Sterbedaten der Generation unserer Eltern oder Großeltern vor Augen, die aber eine viel kürzere Lebenserwartung hatten. Tatsächlich steigt die Lebenserwartung dank des medizinischen Fortschritts aber für jede Generation um sechs bis neun Jahre. Das Statistische Bundesamt rechnet darum in seiner Bevölkerungshochrechnung für das Jahr 2060 mit einer Lebenserwartung von bis zu 87 Jahren für Männer und sogar 91 Jahren für Frauen. 

Die Lebenserwartung steigt mit zunehmendem Alter

Ein anderes Problem ist, dass man das durchschnittliche Alter oft auch für das wahrscheinliche Sterbedatum hält. Dabei erreicht die Hälfte der Menschen natürlich ein Alter, das über dem Durchschnitt liegt. Denn der ist eben nur ein Mittelwert. Daher kommt es auch, dass die Lebenserwartung mit zunehmendem Alter steigt. Ein Beispiel: Im Jahr 1871 lag die Lebenserwartung für einen neugeborenen Jungen bei rund 36 Jahren. Überlebte das Kind die ersten fünf Jahre – in denen gut ein Drittel der Jungen starben – stieg seine Lebenserwartung auf 54 Jahre. 19 Jahre über dem Mittelwert. Diesen statistischen Effekt gibt es auch heute noch, er ist nur nicht mehr so ausgeprägt. So hat ein heute 65-jähriger Mann zum Beispiel eine Lebenserwartung von insgesamt 82,5 Jahren. Fast fünf Jahre über dem Durchschnitt der gesamten Bevölkerung. Die gute Nachricht lautet also: Sie leben wahrscheinlich länger, als Sie denken. Das bedeutet aber auch: Sie sollten sich auch auf die Möglichkeit eines sehr langen Lebens gut vorbereiten. Und die Politik täte gut daran, den Menschen reinen Wein einzuschenken. Mit schön gerechneten Regierungsprognosen, die noch von vier Prozent Rendite ausgehen, ist niemandem geholfen.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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