Kolumne
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Ohne Zwang in die Pflicht genom­men

Was für eine Bedrohung Wasser auslösen kann, hat sich kürzlich wieder im Allgäu gezeigt. Sintflutartiger Regen schob eine Schlammlawine durch Oberstdorf. Gerade einmal 20 Minuten hat es gedauert, bis Häuser voller Geröll waren und Menschen evakuiert werden mussten.

Die Natur spielt häufiger verrückt als früher. Nicht irgendwo weit entfernt, sondern auch direkt vor unserer Haustür. Wer hätte bis vor kurzem gedacht, dass regelmäßig Tornados in Deutschland auftreten? Nach jahrelanger Forschung gemeinsam mit Klimaexperten gehen wir Versicherer davon aus, dass sich die Schäden aus Sommergewittern, Sturzfluten und Hochwassern in den kommenden Jahrzehnten verdoppeln bis verdreifachen. Derzeit untersuchen wir mit dem Deutschen Wetterdienst etwa das Phänomen plötzlicher, extremer Regenfälle: Wo und wie oft treten sie auf? Welche Schäden verursachen sie?

Unsere Branche hat zügig reagiert – und reguliert:

Das hat gute Gründe: Die letzte große Flut an Elbe und Donau im Jahr 2013 wurde von intensiven Regenfällen ausgelöst. 85 Prozent der Schäden entstanden weit entfernt klassischer Überflutungsgebiete. Viele Immobilienbesitzer waren aber versichert. Unsere Branche hat zügig reagiert – und reguliert: Für rund 140.000 Schäden sind wir aufgekommen und haben dafür rund 1,8 Milliarden Euro aufgebracht. Ich glaube, dass wir darauf stolz sein können.

Sie sehen: Hausbesitzer können sich längst nicht mehr darauf verlassen, dass ihr Eigenheim sicher ist, nur weil es nicht in einer ausgewiesenen Hochwasserzone liegt. Dennoch, und das wird Sie vielleicht überraschen, begrüße ich es sehr, dass die Landesjustizminister in der vergangenen Woche die Debatte um eine Pflichtversicherung gegen Hochwasserschäden beendet haben. Eine obligatorische Police hilft den Menschen nicht: Warum soll man in Schadenverhütung investieren, wenn die Versicherung sowieso zahlt? Wen hindert‘s dann trotzdem mitten im Überschwemmungsgebiet zu bauen?

Fast jedes Haus kann gegen Hochwasser versichert werden

Dafür gibt es jede Menge Aufklärungsangebote: Versicherer sind bestens informiert über die Risiken Ihrer speziellen Wohnsituation und haben passende Lösungen parat. So unterstützen wir Ende dieser Woche auch eine landesweite Informationskampagne in Thüringen. Es ist bereits das achte Bundesland, wo dies geschieht. Deshalb plädiere ich auch nachdrücklich für eine bundesweite Kampagne und ein Naturgefahrenportal, wie es von den zuständigen Gremien, zuletzt der Justizminister-Konferenz, empfohlen wird. Der Plan der Minister, staatliche Hilfen im Katastrophenfall auch an die Frage zu binden, ob sich Flutopfer zuvor um Versicherschutz bemüht haben, halte ich für den besseren Weg als eine Pflichtversicherung. Schließlich können unsere Kunden inzwischen fast jedes Haus gegen Hochwasser versichern – egal, ob es in unmittelbarer Wassernähe liegt oder nicht.

Knapp 40 Prozent aller Gebäude in Deutschland sind bereits so abgesichert. Das sind immerhin doppelt so viele wie noch zur Jahrhundertflut 2002, aber natürlich noch viel zu wenige. Der Beschluss der Justizminister von letzter Woche ist auch ein Auftrag an die Versicherungswirtschaft, weiter ausreichend zu bezahlbaren Bedingungen zu versichern. Dies nehmen wir ernst. Die Politik nimmt die Bevölkerung, aber auch uns Versicherer in die Pflicht – ganz ohne Zwang.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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