Kolumne
Zum Jah­res­wech­sel

Neue Lösun­gen schaf­fen

2015 war ein außergewöhnliches Jahr. Außergewöhnlich in der Aneinanderreihung von fundamentalen Ereignissen und dem Versagen bislang bewährter Strategien. Als Schlüsselbranche sind Versicherer davon immer betroffen. Der Veränderungsdruck wird im kommenden Jahr steigen – und eine starke Branche wie die Versicherungswirtschaft wird lernen, damit umzugehen.

Was für ein Jahr! Die Angriffe auf Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt in Paris im Januar. Die Krise in der Ukraine, die sich schnell zu einem Krieg in Europa hätte entwickeln können. Der bewusst herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine im März. Die Zerreißproben mit Griechenland um ein zweites und drittes Hilfspaket. Die nach wie vor nicht beseitigten Gründungsfehler der Wirtschafts- und Währungsunion. Die Flüchtlingsströme in Europa und erneute Anschläge in Paris. Ein Europa, das immer weniger die Kraft zu einvernehmlichen, zu gemeinsamen Lösungen aufbringt. Das sicher in die Geschichtsbücher eingehende „Wir schaffen das“ der Bundeskanzlerin. Nicht zu vergessen, die Kraft und die Hoffnungen, die vom Parier Klimagipfel ausgehen.

2015 ist in der Tat ein außergewöhnliches Jahr. Außergewöhnlich in der Aneinanderreihung von fundamentalen Ereignissen und dem Versagen alter Lösungen. Und wir Versicherer? Wir sind von all diesen Entwicklungen betroffen. Wie sollte es auch anders sein bei einer Branche, deren Kern der Risikotransfer ist. Und darüber hinaus stehen wir mitten in fundamentalen Änderungen unseres eigenen Geschäftsmodells. Änderungen, die teils voller Chancen sind, aber auch destruktiv sein können.

Ein Land opfert seine Sparkultur

Destruktiv? Ja, schauen Sie auf das künstlich von der Europäischen Zentralbank geschaffene Niedrigzinsumfeld. Sicher, es begleitet uns schon länger, doch in diesem Jahr hat die EZB mit ihrem milliardenschweren Aufkaufprogramm schließlich alle geldpolitischen Hemmungen fallen gelassen. Sie untergräbt damit erneut die Anstrengungen der Sparer, mildert den Reformdruck in den hoch verschuldeten Euro-Ländern und erschwert es Versicherern, die zugesagten Leistungen zu erwirtschaften. Doch so sehr wir uns darüber ärgern mögen, ändern können wir an der Situation nichts. Es ist schon bemerkenswert: Das Land, das wohl am nachhaltigsten die Unabhängigkeit der europäischen Notenbank gefordert hat, opfert nun seine Sparkultur. Es bleibt uns Versicherern nur zu reagieren, indem wir unsere Produkte der neuen Zinswelt anpassen – und zu mahnen: Doch dies beeindruckt die Währungshüter wenig.

Viel haben wir über die Digitalisierung diskutiert – nicht zuletzt auf unserem Versicherungstag in Berlin. Wie keine Veränderung zuvor hat die Digitalisierung die Kraft, etablierte Geschäftsmodelle innerhalb kurzer Zeit zu zerstören. Darauf müssen sich die Unternehmen einstellen und ihre Prozesse, Produkte und Vertriebsstrategien anpassen. Viel geschieht bereits im Wettbewerb um den Zugang zum Kunden. Das Außergewöhnliche in der Transformation in die digitale Welt ist die Geschwindigkeit der Veränderung, die stetig zunehmende Beschleunigung der Erneuerungsprozesse. Dieses Tempo wird 2016 noch zulegen.

Eine neue Ära der Versicherungsaufsicht

Gleichzeitig stehen wir vor dem Wechsel in eine neue Ära der Versicherungsaufsicht. Die Veränderungen, die damit auf uns zukommen, sind umfassend und tiefgreifend. Wir haben uns lange und intensiv auf Solvency II vorbereitet und wir sind – wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht bestätigt – gut auf den Start vorbereitet. Doch eins ist gewiss: neue Systeme, laufen sie erst einmal, offenbaren immer wieder Anpassungsbedarf und eine neue Sicht der Dinge auf Kennzahlen. Solvency II wird uns auch in 2016 hinreichend beschäftigen.

Die Bundeskanzlerin sagte im selten zitierten Volltext ihrer Bemerkung: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!“

Ja, ich bin auch davon überzeugt, dass unser Land es schaffen wird, mit den Herausforderungen der Flüchtlingsströme umzugehen. Und was für unser Land gilt, das gilt auch für die Versicherungswirtschaft. Wir sind eine starke Branche, die schon vielen Stürmen Stand gehalten hat. Der Wandel in unserem Umfeld – Niedrigzins, Digitalisierung, Regulierung – ist gewaltig. 2016 wird kein Spaziergang. Aber: Auch wir schaffen das!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnacht und alles Gute für 2016!

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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