Kolumne
Extre­mer Som­mer

Kant und das Klima

Der Sommer 2015 führt uns – wieder einmal – klar vor Augen, warum sich die Folgen des Klimawandels nicht wegdiskutieren lassen. Diese Auswirkungen besser in den Griff zu bekommen, liegt auch stark im Interesse der Versicherungswirtschaft. Eine Kolumne von Christoph Hardt

Der nächste „Jahrhundertsommer“ steht schon vor der Tür, da bin ich mir nach diesem neuen Sommer der Rekorde sicher. Die Dürre als Megathema: In Kalifornien schüttet die Stadt Los Angeles fast 100 Millionen schwarzer Bälle in eine Trinkwasser-Talsperre, um sie vor dem Austrocknen zu retten. In Polen führen die Flüsse so wenig Wasser, dass die Stromversorgung zeitweilig unterbrochen werden muss und Ikea Läden dicht macht. In der gewöhnlich eiskalten Ybbs in Niederösterreich blühen die Algen und leiden die Bachforellen. In Oelde in Ostwestfalen gab es den stärksten Regen seit Menschengedenken. Im Schwabenland ist der Weizen auf dem Halm vertrocknet. Und zu guter Letzt: an den trockenen Tagebaukanten bei Jänschwalde surren und schnurren die Schnabelkerfen, als wäre man auf Fuerteventura – aus der Lausitz wird das Land Zikadien.

 

Glaubt man wissenschaftlichen Studien und schaut sich die aktuelle Wetterkarte einer bekannten deutschen Wochenzeitung an, dann könnte das, was uns ab dem Jahr 2050 droht, in diesen Tagen schon Wirklichkeit geworden sein. Insbesondere im Osten und Süden Europas kommt es zu verheerender Trockenheit und zu Dürren, während in Deutschland lokal immer häufiger Sommerunwetter drohen – mit Starkniederschlägen und lokalen Überschwemmungen.

Der Schutz von Umwelt und Klima ist unter den Themen, die die Deutschen für wichtig erachten, in den vergangenen Jahren ganz schön weit nach hinten gerutscht. Ich finde das bedauerlich. Ich bin aber ziemlich sicher, dass uns der Klimawandel in den nächsten Monaten in neuer Dimension beschäftigen wird. Der Sommer ist auf der nördlichen Welthalbkugel, die medial ja nun noch immer den Ton angibt, in weiten Teilen schlicht und ergreifend viel zu heiß und zu trocken gewesen. Viele extreme Wetterereignisse haben jetzt schon direkte ökonomische Folgen, die Bauern können ihr Lied davon singen, auch in den Schadenbilanzen einzelner Versicherungsunternehmen wird sich das widerspiegeln.

 

Stärker aber – so hoffe ich – werden die Folgen in den Köpfen sein. Immanuel Kant, der kluge Königsberger, hat gezeigt, dass man nur wissen kann, wenn man etwas sinnlich erfahren hat. Dieser Sommer hat in diesem Sinne der Erkenntnis, dass etwas zu tun ist, Flügel verliehen. Es gibt Hoffnung und die Umweltenzyklika des Papstes. Barack Obama hat ihr mit seiner neuen Klimapolitik gleichsam schon einen Segen geben.

Nachhaltiges Geschäftsmodell der Versicherer

Den Versicherern wird gerne vorgeworfen, sie dramatisierten die Probleme, um dann mit den Sorgen der Menschen Geschäfte zu machen. In Sachen Klimawandel werde ich uns diesen Schuh nicht anziehen. Seit langem gehört unsere Branche zu den relevanten Kräften, die für einen entschlossenen Klimaschutz und durchgreifende Maßnahmen eintritt. Und das liegt nicht daran, dass wir Bombengeschäfte wittern. Vielmehr liegt es an dem nachhaltigen Geschäftsmodell, für das unsere Branche wie kaum eine andere steht. Wir sichern Risiken nicht nur in der Risiko teilenden Gemeinschaft ab. Wir kümmern uns auch darum, dass Risiken langfristig tragfähig bleiben und – wo immer möglich – gemindert werden. Unser Blick geht dabei weit über die sonst im geschäftlichen Leben üblichen Rhythmen und Zeiträume hinaus. Es geht nicht um Quartale, nicht um Jahre. Eher um Jahrzehnte. Wir sorgen insofern vor.

Darum ist gerade jetzt die Zeit, um uns auch an die eigene Nase zu fassen: Die Zahl der Versicherungsunternehmen, die ihr verantwortungsvolles Wirtschaften in Nachhaltigkeitsberichten dokumentiert, ist bislang eher überschaubar. Sicher, es gibt und gab noch wichtigere bürokratische Hürden, die Brüssel vor der Branche aufgebaut hat – ich denke da nicht nur an Solvency II. Aber spätestens 2017 verlangt Europa auch von kleineren Unternehmen, dass sie dokumentieren, ob und wie sie nachhaltig wirtschaften. Hier haben wir noch allerhand zu tun. Wenn die deutsche Versicherungsbranche flächendeckend zeigt, wie sehr sie nachhaltig wirtschaftet, wird dies das globale Klima sicherlich nicht retten. Aber wir sollten möglichst starke Zeichen setzen, wie ernst wir es mit dem Klimaschutz meinen.

Ihr


Christoph Hardt

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