Kolumne
Kolumne Ver­brau­cher­schutz

Gebt dem Algo­rith­mus eine Chance

Verbraucherpolitisch hat sich die neue Bundesregierung viel vorgenommen. Dass sie dabei auch in der digitalen Welt Akzente setzen will, ist sowohl für Verbraucher als auch für die Wirtschaft eine gute Nachricht – wenn Produktinnovationen dabei nicht gefährdet werden.

Die Digitalisierung stellt die Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen auf den Kopf: Der Kunde von heute ist schneller und in der Regel besser informiert als jemals zuvor, er verlangt nach mehr Entscheidungsfreiheit.

Das schafft neue Transparenz und eröffnet uns Versicherern die Möglichkeit, mit Kunden neu, anders und intensiver als je zuvor in Kontakt zu treten. Die Integration von persönlicher Beratung und Onlinekommunikation eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Und damit eine Chance – gerade für einen guten, anspruchsvollen Vertrieb – sich zu behaupten.

Offene Debatte über den ethischen Einsatz von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz

Versicherer sind dabei aber längst nicht nur mit Blick auf Prozesse gefordert. Wir müssen unsere Anpassungsfähigkeit auch mit der Entwicklung attraktiver Produkte stetig beweisen. Um den Wünschen der Kunden gerecht zu werden, setzt unsere Branche dazu seit jeher moderne Technologien ein – mit vielen Vorteilen für Verbraucher, die noch individuellere Versicherungsprodukte erhalten und von maßgeschneiderten Angeboten profitieren können.

Mit der rasanten technologischen Entwicklung der vergangenen Jahre, etwa bei der Analyse von Daten, gehen jedoch verbraucherpolitische Vorbehalte einher: Wir brauchen hier einen gesellschaftlichen Konsens, eine offene Debatte über den ethischen Einsatz von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz. Nur damit können wir für Akzeptanz der neuen Technologien sorgen und vielfach vorhandenen Missverständnissen begegnen. Häufig bilden irrtümliche Annahmen zum Einsatz von Algorithmen die Grundlage für weitreichende Regulierungsforderungen. Deshalb stellen wir uns und möchten unsere Argumente vertreten – etwa am 5. Juni zu unserem Verbraucherpolitischen Ausblick in Berlin. Wir möchten mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung, der Fraktionen des Bundestages und der Wissenschaft über die verbraucherpolitische Handlungsfelder der 19. Wahlperiode diskutieren:

  • Welche Chancen liegen in der im Koalitionsvertrag angekündigten Evaluierung der Maßnahmen zum finanziellen Verbraucherschutz?
  • Funktioniert das verbraucherpolitische Institutionsgefüge oder ist eine Weiterentwicklung nötig?
  • Wie bringt man digitale Produktinnovationen und wirksamen Verbraucherschutz in Einklang?

Beispiel Algorithmen: Verbraucher wie Unternehmen profitieren von einer fairen und verantwortungsbewussten Nutzung dieser Verfahren, wie sie etwa bei Chatbots zum Einsatz kommen. Oder nehmen Sie den neuen Rentenrechner unseres Verbandes: Spielerisch, mit mathematischer Genauigkeit, berechnet das Tool binnen einer Minute mögliche Vorsorgelücken.

Von der bremsenden Wirkung der Regulierung für Innovationen

Die Nutzung solcher Technologien sollte nicht mit übereilten Rufen nach Regulierung gebremst werden, bei denen häufig amerikanische Internet-Giganten im Fokus stehen. Eine auf die nationale Ebene beschränkte Regulierung könnte überdies zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen für Unternehmen auf dem deutschen Markt führen.

Versicherungsunternehmen agieren ohnehin auf einem hochregulierten Markt, der durch starke Verbraucherrechte gekennzeichnet ist. Die in der Versicherungswirtschaft verwendeten Formeln unterliegen bereits nach geltendem Recht der Kontrolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Überdies schützen gesetzliche Regelungen wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und die soeben in Kraft getretene EU-Datenschutz-Grundverordnung Verbraucher vor Diskriminierung und sichern ein hohes Datenschutzniveau mit umfangreichen Auskunftsrechten – selbstverständlich auch in der digitalen Welt.

Brauchen wir also über die bestehenden Regelungen hinaus weitere Regulierungsmaßnahmen? Ich plädiere hier zur Zurückhaltung und finde: Vielmehr gilt es, Regelungen aus der analogen Welt auch in der digitalen Welt sinnvoll anzuwenden.

Ich freue mich auf die Debatte – grundsätzlich und am 5. Juni.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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