Kolumne
Kolumne

Divi­dende ersetzt nicht den Zins

Wissen Sie eigentlich, wo die Aktienmärkte in einem Jahr stehen? Ich jedenfalls nicht, sonst müsste ich nicht mehr arbeiten. Bei der Lektüre mancher Artikel gewinne ich aber den Eindruck, als könnten einige Experten sehr wohl in die Glaskugel schauen. Aktien werden als lohnende, unschlagbare Alternative zu Anleihen angepriesen. Von der Dividende als neuem Zins ist gar die Rede.

Ich kann solche Meldungen ja einerseits verstehen. Im Kern geht es immer wieder darum, wie Anleger dem Niedrigzins entkommen können. Das Thema ist schon lange aktuell. Zuletzt hat es noch einmal an Brisanz gewonnen, da inzwischen weit mehr als die Hälfte der ausstehenden Bundesanleihen negative Renditen abwirft. Wie also das Geld anlegen, so dass nach Abzug der Inflation noch etwas übrigbleibt? Und ohne dabei zu große Risiken einzugehen? Das sind Fragen, die alle Investoren umtreibt, egal ob Großanleger wie Versicherer oder Kleinsparer.

Die Empfehlungen vieler sogenannter Experten teile ich jedoch nicht. Aktien mit Anleihen gleichzusetzen, halte ich sogar für sehr gefährlich. Viele Beiträge zur Debatte beschränken sich einzig auf den Vergleich der Zins- und Dividendenrenditen, bei dem Aktien derzeit zweifellos besser dastehen. Doch wie steht es um die Risiken? Verschlechtern sich die Wachstumsaussichten, können Aktien erheblich an Wert verlieren. Und wie oft schon haben als zuverlässig geltende Dividendenzahler ihre Ausschüttungen deutlich gekürzt oder völlig gestrichen – mit entsprechenden Folgen für den Aktienkurs? Das haben wir etwa bei den Finanzwerten erlebt und später bei den Versorgern.

Kursgewinne sind nicht planbar

Diese realen Erfahrungen erklären auch, warum Versicherer bei Dividendentiteln zurückhaltend sind. Erheblich schwankende Kurrisiken vertragen sich nur schwer mit ihrem Geschäftsmodell. Insbesondere Lebensversicherer sind auf verlässliche Erträge angewiesen. Zwar versprechen Aktien auch Kursgewinne, doch diese sind eben nicht planbar. Und damit sind Dividendentitel kein Ersatz für Anleihen mit festen Laufzeiten und im Voraus vereinbarten Kupons. Die Versicherer müssen ihre Garantiezusagen zudem jährlich sicher erfüllen und können Kursschwankungen nicht mal eben aussitzen.

Klar ist, dass sich auch Versicherer mehr Gedanken machen müssen über Auswege aus der Niedrigzinsfalle. Als Alternative zu traditionellen Anlageklassen wie Bundesanleihen kommen beispielsweise Unternehmensanleihen infrage. Auch eine moderate Beimischung von Hochzinsanleihen kann sinnvoll sein. Sie weisen oft ein ähnliches Chancen-Risiko-Profil wie Aktien auf – bei deutlich geringeren Schwankungen. Darüber hinaus muss sich jedes Unternehmen fragen, inwieweit es sein Engagement in Aktien ausbauen will.

Lobeshymnen auf Aktien sind einseitig

Die Antwort fällt gerade jetzt nicht leicht: Einerseits verlangt das ab 2016 geltende Aufsichtsregime Solvency II eine hohe Eigenmittelunterlegung für Aktien. Zugleich stellt sich die Frage, wie nachhaltig die aktuelle Börsenentwicklung ist. Sind die Aktienkurse noch unterfüttert von der wirtschaftlichen Entwicklung? Oder ist das Börsengeschehen Folge der Niedrigzinspolitik der Notenbanken, die immer mehr Anleger auf der Jagd nach Rendite in Aktien treibt – ungeachtet der Risiken? Ich denke, letzteres ist der Fall. Das bestätigen mir die hohen Bewertungen vieler Indizes – und das zeigen mir die einseitigen Lobeshymnen auf die Aktie.

Mich stimmt die Entwicklung nachdenklich. Wir waren zur Jahrtausendwende schon einmal an dem Punkt, als die Begeisterung für Aktien keine Grenzen kannte, nur um kurz darauf einen beispiellosen Absturz zu erleben. Daran sollte man all jene erinnern, die nun die Aktie als bessere Alternative zur Anleihe empfehlen. Und sie fragen, wie sie selbst heutzutage eigentlich Geld sicher anlegen würden. Und zwar nicht nur ihr eigenes, sondern das von Millionen Altersvorsorgesparern.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

Zur Startseite