Kolumne
Kolumne Star­kre­gen

Die Natur war­tet nicht auf die Poli­tik

Die Unwettersaison zeigt erneut: Starkregen kann jede Region treffen. Viele Menschen fühlen sich aber nicht betroffen, auch die Kommunen sind schlecht vorbereitet. Wir brauchen ein größeres Risikobewusstsein – und dafür kann die Politik einiges tun.

Als Einwohner Berlins hat man es eigentlich nie mit Katastrophen zu tun – mal abgesehen von menschengemachten wie einem unfertigen Flughafen oder regelmäßigen Zugausfällen bei der S-Bahn. Ansonsten aber gibt hier es keine Lawinen, keine Sturmflut, keine Erdbeben. Auch Havel und Spree kenne ich nur als zahme Flüsse.

Vollgelaufene Keller, kaputtes Inventar und zerstörte Häuser

Vor gut einem Jahr bekam ich wie jeder Berliner aber mal eine Ahnung davon, welche Kräfte die Natur entfalten kann: Schwere Unwetter – verbunden mit extremen Niederschlägen – zogen damals über die Stadt und das Umland hinweg und setzen Unterführungen, U-Bahn-Schächte und Tausende Keller unter Wasser.

Was sich damals in Berlin und Teilen Brandenburgs abspielte, ereignete sich in diesem Jahr anderorts: in Wuppertal, Hamburg, Kaiserslautern oder Isenburg in Rheinland-Pfalz. Überall zogen schwere Unwetter hinweg, die für lokale Überschwemmungen und teilweise sogar Sturzfluten sorgten. Und wieder gab es vollgelaufene Keller, kaputtes Inventar und teilweise sogar zerstörte Häuser.

 

Es waren zwar alles regionale Ereignisse, die bundesweit kaum für Schlagzeilen sorgten. Die aber zweierlei zeigen: Dass Starkregen zum einen jede Region in Deutschland treffen kann. Und dass heftige Niederschläge selbst im flachen Gelände zu hohen Schäden führen können.

Wie unberechenbar die Natur zuschlägt, veranschaulicht auch die Unwetterkarte des Deutschen Wetterdienstes, die wir heute veröffentlicht haben. Sie zeigt die Starkregenstunden seit Beginn der flächendeckenden Wetterradarmessung in Deutschland im Jahr 2001. An ihr lassen sich zwar regionale Schwerpunkte ablesen, etwa die Nordhänge der Mittelgebirge und das Alpenvorland. Doch auch die Karte macht klar: Sicher wähnen darf sich niemand. So weist etwa der Berliner Ortsteil Halensee, nicht weit von meinem Wohnort entfernt, seit 2001 die meisten Starkregenstunden außerhalb Bayerns auf.

Erst wenige Städte wie Köln haben Starkregenkarten erstellt

Die Erkenntnis, dass extreme Regengüsse auch fernab von großen Flüssen oder Gebirgsbächen zu erheblichen Schäden führen kann, ist aus meiner Sicht noch nicht sonderlich ausgeprägt. Schon bei vielen Kommunen vermisse ich das Bewusstsein dafür: Erst wenige Städte wie Köln haben Starkregenkarten erstellt, die zeigen, welche Gebiete bei einem Starkregen überflutet würden. Denn keine Kanalisation ist Regenmengen von 100 Litern und mehr in kurzer Zeit gewachsen ist, das Wasser fließt dann einfach oberirdisch ab. Deshalb kommt es darauf an, die Fluten geordnet abfließen und an geeigneten Stellen versickern zu lassen – so dass möglichst wenige Schäden entstehen. Doch dafür muss man zunächst einmal wissen, welchen Weg das Wasser im Ernstfall nehmen würde.

Auch müssen die Kommunen damit aufhören, ständig neue Flächen zu versiegeln, ohne hinreichende Konzepte für den Umgang mit Extremwetterlagen zu haben. Es ist ein heikles Thema, gerade in boomenden Metropolen wie Berlin, die dringend neuen Wohnraum schaffen müssen. Doch dabei darf der Hochwasser- und Starkregenschutz nicht außer Acht gelassen werden. Manche Gebiete wurden bislang eben aus gutem Grund nicht bebaut. Wenn nun vermehrt Grünflächen neuen Wohnungen zum Opfer fallen, dann sorgen die Gemeinden dafür, dass bei der nächsten Katastrophe noch größere Schäden entstehen.

Unser Nachbarn in Europa sind bei Information und Prävention schon einen Schritt weiter: In der Schweiz wird Anfang Juli eine landesweite Gefahrenkarte für Starkregen präsentiert. Selbstverständlich stehen diese Informationen auch der Schweizer Bevölkerung zur Verfügung. Währenddessen zieht sich in Deutschland die Umsetzung eines bundesweiten Naturgefahrenportals hin: Der Bund wurde von den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten schon vor einem Jahr aufgefordert, einen Vorschlag für eine solches, dringend benötigtes Portal vorzulegen. Das ist keine Raketenwissenschaft. Doch passiert ist seitdem nichts – nur die Schäden gingen weiter.

Deutschlandweit haben erst 41 Prozent der Gebäude den erweiterten Naturgefahrenschutz

Ein solches Portal würde den Menschen helfen, die Gefahr richtig einzuschätzen und rechtzeitig Vorsorge zu treffen, sei es durch bauliche Veränderungen am Haus oder durch eine Erweiterung ihres Versicherungsschutzes. Deutschlandweit haben erst 41 Prozent der Gebäude den erweiterten Naturgefahrenschutz, der Schäden durch Starkregen, Hochwasser oder Erdrutsch mit abdeckt. Eine normale Wohngebäude- oder Hausratpolice tut dies nämlich nicht. Ich finde die Zahl bedenklich angesichts der Schäden, die ein Starkregen anrichten kann. Und angesichts der Tatsache, dass die Gefahr extremer Wetterereignisse mit dem Klimawandel ja noch zunimmt.

Das gilt für Deutschland, wie auch Berlin. Der Flughafen wird wohl eines Tages fertig sein. Die Katastrophengefahr aber bleibt.

 

Jörg von Fürstenwerth

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