Kolumne
Kolumne Stan­dard­pro­dukt

Die Fort­ent­wick­lung von Ries­ter ist über­fäl­lig

Die neue Regierung möchte die private Altersvorsorge weiterentwickeln. Das ist gut so, denn das Angebot der Finanzbranche, aber auch die staatliche Förderung ist zu komplex geworden. Viele Kunden sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ein einfaches Standardprodukt kann helfen. Hierfür sind auch politische Antworten gefragt.

Der Koalitionsvertrag benennt das richtige Thema: Die Reform der Riesterrente. Eine der großen, bislang ungeklärte Fragen hierzu lautet allerdings: Was erwarten eigentlich die Bürger von der Riester-Rente? Gewiss weniger Komplexität, deutlich weniger Bürokratie und Fairness. Fairness, hier geht es auch und vor allem um die Frage, was die Garantie der eingezahlten Beiträge und der Renditeoptionen betrifft.

Doch zunächst noch einmal die Fakten: Mit 16,5 Millionen Verträgen ist die Riester-Rente allen Unkenrufen zum Trotz das erfolgreichste freiwillige Vorsorgeinstrument in Deutschland. Kein anderer Vertragstypus hat in Deutschland diese Verbreitung erreicht. Und auch international schaffen nur obligatorische Ansätze höhere Verbreitungsraten, etwa die Prämienrente in Schweden. Sie ist dort Teil der gesetzlichen Säule der Alterssicherung. Übrigens für die Jüngeren: ursprünglich sollte auch die Riester-Rente mit einem Obligatorium oder einer opt-out Lösung verbunden werden. Vor der Überschrift „Zwangsrente“ in einer überörtlichen Zeitung schreckte dann die damalige Bundesregierung zurück.

Dennoch – oder gerade deshalb – haben bei weitem noch nicht alle, die es könnten oder sollten, einen Riester-Vertrag. Manche sorgen bereits anderweitig vor, etwa mit einer der sonstigen Millionen privaten Lebens- oder Rentenversicherungen, tilgen eine Hypothek oder sparen in Wertpapieren wie Aktien. Zuletzt bietet auch die betriebliche Altersversorgung vielfältige Vorsorgemöglichkeiten. Mittlerweile haben 70 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland eine Riester-Rente oder eine betriebliche Altersversorgung. Inklusive aller übrigen Vermögenspositionen sorgen 78 Prozent der Haushalte ausreichend vor, um die reformbedingten Rentenlücken zu schließen, wie zuletzt die Untersuchung des Sachverständigenrats „15 Jahre Riester – eine Bilanz“ belegt hat.

Die Lage ist folglich nicht so schlecht wie sie teilweise geredet wird. Aber sie ist auch nicht gut. Bei weitem nicht! Zu Recht wird nach neuen Ansätzen bei der Riester-Rente gerufen. Die Verbreitung stagniert, wie im Übrigen auch die der betrieblichen Altersversorgung. Dort wurde deshalb mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz ein neuer Impuls gegeben.

Wir brauchen eine mutige Vereinfachung von Riester

 Der ursprüngliche politische Ansatz, bei der Riester-Rente über möglichst viele unterschiedliche Angebote verschiedenster Anbietergruppen, seien es Versicherer, Banken, Fondsgesellschaften oder – erst seit 2008 – auch Bausparkassen einen möglichst breiten, wettbewerbsintensiven Markt zu schaffen, hat zu großer Komplexität und Unübersichtlichkeit geführt. Viele Kunden sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

 Wir brauchen also eine deutliche, mutige Vereinfachung von Riester, und zwar sowohl bei der Förderung als auch bei den Produkten. Die Definition des förderberechtigten Personenkreises etwa ist eine Wissenschaft für sich mit dem Ergebnis, dass viele Bürger unzutreffend davon ausgehen, sie seien gar nicht förderberechtigt. Warum nicht einfach alle Erwerbstätigen fördern, also auch die Selbständigen? Und auch das Zulagenverfahren braucht dringend Vereinfachung.

 Aber natürlich geht es auch um die Verantwortung, die alle Anbieter für ihre Produkte tragen.  Dabei stehen Entscheidungen an, die einer einheitlichen politischen Antwort bedürfen: Will der Staat bei der Riester-Rente ganz auf Garantien verzichten oder die bestehenden gesetzlichen Mindestanforderungen dazu flexibilisieren? Soll die Verbreitung der Riester-Rente künftig quasi obligatorisch erfolgen, in dem etwa sämtliche Arbeitgeber in Deutschland zur Vorsorgevermittlung verpflichtet werden? Und wenn nein, wenn der Abschluss freiwillig bleibt, wie will man ohne die professionellen Vertriebe eine größere Verbreitung sicherstellen? Gewiss: die Digitalisierung eröffnet neue Chancen und die standardisierte Riester Rente muss „voll digital“ sein, schon um auch so ihre Kosten zu optimieren, aber die Verbreitung sichert das nicht.

 Es gibt eine Menge Möglichkeiten und Chancen, das Thema Altersvorsorge in Deutschland neu anzupacken. Der ach so oft gescholtene Koalitionsvertrag hat hier völlig recht. Für dieses Angebot müssen aber im Dialog zwischen Politik und Anbietern die wesentlichen Rahmendaten geklärt werden. Diese entscheiden letztlich über die Kosten und den Ertrag der Produkte und über den Erfolg der Reform.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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