Kolumne
Kolumne Ver­brau­cher­leit­bild

Der Homo oeco­no­mi­cus allein taugt nicht zur Ori­en­tie­rung

Verbraucherschutz wird für die politische Arbeit immer wichtiger. Die Versicherungswirtschaft unterstützt diese Entwicklung. Bei rund 428 Millionen Versicherungsverträgen in Deutschland ist die Zielgruppe so vielfältig wie die Bevölkerung selbst. Ein Umstand, dem die Branche mit einem differenzierten Verbraucherleitbild Rechnung trägt – ein bloßes „immer Mehr“ an Informationen ginge allerdings an den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden vorbei.

In Deutschland gab es im Jahr 2015 rund 428 Millionen Versicherungsverträge. Rechnerisch kommen auf jeden Deutschen damit im Schnitt 5 Verträge. Was denken Sie, welche Versicherung der Bestseller unter allen ist: Leben? Hausrat? Haftpflicht? Die Antwort haben wir auf unserer Website in einer Top 10 aufbereitet.

Sind die Deutschen angesichts dieser Zahlen risikoscheu, zu ängstlich oder gar überversichert? Keinesfalls! Der Blick auf den europäischen Markt, den unsere Kollegen von Insurance Europe zusammengetragen haben, offenbart: Im Jahr 2015 wurde im Schnitt 2022 Euro pro Kopf für Versicherungen ausgegeben. Deutschland liegt zwar leicht über diesem Wert, rangiert im Vergleich aber dennoch im Mittelfeld – Spitzenreiter sind Liechtenstein, Schweiz, Finnland, Dänemark und die Niederlande.

Die Zielgruppe von Versicherern ist so vielfältig wie die Bevölkerung selbst

428 Millionen Versicherungsverträge in Deutschland zeigen hingegen sehr genau: Fast jeder Lebensbereich ist versicherbar. Der Kontakt zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern ist und bleibt dabei der Dreh- und Angelpunkt des Versicherungsgeschäfts. Doch wer sind diese Menschen? Bei 428 Millionen Versicherungsverträgen in Deutschland kann man wohl wahrlich nicht von einer homogenen Zielgruppe sprechen. Diese Zielgruppe ist in Summe genauso vielfältig wie die Bevölkerung selbst. Wollen sich unsere Kundinnen und Kunden lieber über das Web oder einen Berater über Versicherungen informieren? Haben sie Vorkenntnisse über Versicherung oder steigen sie gerade erst in das Thema ein? Möchten Sie einen Honorarberater oder bevorzugen sie den bewährten Provisionsvertrieb?

Den einen, den Standard-Verbraucher gibt es nicht – schon gar nicht in der Versicherungsbranche. Stattdessen gehen wir als Verband von einem differenzierten Verbraucherbild aus, so wie es heute viele Wissenschaftler nahelegen und es etwa auch die Regierungskoalition tut: Der viel beschriebene Homo oeconomicus kann dabei nicht der einzige Maßstab des Handelns sein – längst nicht jeder Verbraucher handelt aus seiner Warte optimal und mit vollem Marktüberblick.

 

Was wir unter einem differenzierten Verbraucherleitbild verstehen, können Sie hier in acht Grundsätzen nachlesen. Die Versicherungswirtschaft richtet ihre Bemühungen für eine noch weiter verbesserte Verbraucherfreundlichkeit an diesem Leitbild aus. Damit legt der GDV auch einen Referenzrahmen der Branche vor, um Initiativen des Gesetzgebers oder sonstige Maßnahmen im Verbraucherschutz zu diskutieren und zu bewerten. Dabei geht es uns etwa um die Verständlichkeit unserer Produkte, um die Verbraucherbildung oder den Datenschutz.

Ein bloßes „immer Mehr“ an Informationen geht an den Verbrauchern vorbei

Einer dieser Grundsätze liegt mir dabei besonders am Herzen, daher möchte ich ihn hier herausgreifen:

„Verbraucher sollen ihre Entscheidungen frei und eigenverantwortlich nach individuellen Zielsetzungen und Abwägungen treffen können. Aus dieser Freiheit ergibt sich auch eine Entscheidungsverantwortung für die Verbraucher. Gleichzeitig ist sich die Versicherungswirtschaft ihrer Verantwortung bewusst, auch für verletzliche Verbrauchergruppen.“

Ein bloßes „immer Mehr“ an Informationen geht allerdings klar an den Bedürfnissen der Verbraucher vorbei und irritiert am Ende mehr als es nützt. Natürlich unterstützten Versicherer den Verbraucherschutz – ich sage aber auch: Qualität geht vor Quantität. Schon heute ist die aus fortlaufender Regulierung entstehende Informationsflut für viele kaum noch zu überschauen. Nur qualitativ hochwertige Informationen schaffen Transparenz für Verbraucher.

Die Debatte, welche Informationen Verbraucher wirklich wollen und brauchen, ist längst noch nicht beendet – das Verbraucherleitbild des GDV soll auch hier einen weiteren Akzent für die Diskussion setzen.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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