Kolumne
Kolumne eCall

Den ver­netz­ten Ver­kehr regeln

Ab dem 31. März 2018 ist ein serienmäßig eingebautes eCall-System Voraussetzung für eine neue EU-Typgenehmigung. Ein weiterer Schritt in die Vernetzung der Mobilität. Fortschritt darf aber nicht auf Kosten eines freien Wettbewerbs erzielt werden. Mit Blick auf die Mobilität der Zukunft muss gelten: „Mein Auto – meine Daten.“

Die Daten vernetzter Autos bergen großes Potenzial – auch für unsere Branche: Schon heute geben wir Kundinnen und Kunden ein prämienrelevantes Feedback zu ihrem Fahrstil. Wir organisieren mit automatischen Notrufsystemen Hilfe nach einem Unfall. Vieles ist vorstellbar, wenn, ja wenn, Versicherer Zugang zu den Daten erhalten, die ein Fahrzeug heute erfasst – und wenn wir dafür die Erlaubnis der Versicherten erhalten.

Um ein wettbewerbs- und servicefeindliches Datenmonopol der Autoindustrie zu verhindern, müssen wir deshalb buchstäblich den vernetzten Verkehr regeln. Unser Verbandsmagazin hat dieses Thema auf den Titel gehoben, mit dem wir auf unsere einfache Position in dieser Frage hinweisen: „Mein Auto – meine Daten.“ Wir meinen, der Verbraucher sollte grundsätzlich entscheiden, was mit seinen Daten geschieht – und an wen er diese Informationen weitergeben möchte.

Autos werden rollenden Smartphones, die permanent Daten senden und empfangen

 Bestes Beispiel ist der eCall, der Ende der Woche verpflichtend wird: Ab dem 31. März ist ein serienmäßig eingebautes eCall-System Voraussetzung für eine neue EU-Typgenehmigung. Das ist gut: Retter kommen früher an die Unfallstelle, Verletzten wird schneller geholfen. Die Europäische Union geht davon aus, dass der eCall die Zeit zwischen einem Unfall und dem Eintreffen der Rettungskräfte in Städten um 40 Prozent, in ländlichen Gebieten sogar um 50 Prozent reduzieren kann.

Noch besser wird es, wenn nicht nur Neuwagenkäufer vom technischen Fortschritt profitieren. Die Versicherungswirtschaft hat daher schon vor zwei Jahren den Unfallmeldedienst gestartet. Auf ein solches automatisches Notrufsystem zum Nachrüsten werden die meisten Autofahrer noch auf Jahre hinaus angewiesen sein. Denn: Bis auch nur die Hälfte der Autos auf unseren Straßen tatsächlich den eCall an Bord hat, wird noch fast ein Jahrzehnt vergehen. Wie die Kfz-Experten des GDV jüngst errechnet haben, wird der eCall nicht vor dem Jahr 2035 wirklich flächendeckend verbreitet sein.

Mit dem eCall und seiner Verbreitung passiert aber noch etwas ganz anderes. Künftig sind Autos automatisch vernetzt und ähneln damit rollenden Smartphones, die permanent Daten senden und empfangen. Ebenso wie das Smartphone weit mehr ist als ein reines Telefon, werden vernetzte Autos mehr sein als reine Fortbewegungsmittel. Ihre Daten können für mehr Verkehrssicherheit ebenso genutzt werden wie für bessere Dienstleistungen. Einen Überblick darüber, „was das Auto alles weiß“, haben wir hier für Sie zusammengetragen.


Zugriff auf diese Daten soll aber nicht allein der Autohersteller haben. Dem hier drohenden Monopol treten Versicherer – zusammen mit dem ADAC, dem Kfz-Handwerk und dem Verbraucherzentrale Bundesverband – schon seit Jahren entgegen. Zuletzt hat der europäische Dachverband Insurance Europe dafür die Datenschutzkampagne #data4drivers gestartet. Diese Kampagne sollte jeder Verbraucher unterstützen, denn es geht im Kern um ihn und um seine Freiheit, selbst zu entscheiden, ob, wann und wem er welche Kfz-Daten senden oder von wem er welche Dienstleistung erhalten möchte. Diese Wahlfreiheit hat der Verbraucher nur dann, wenn er darüber selbst entscheiden kann. Klare gesetzliche Regeln fehlen aber bislang. Es wird Zeit, dass Bundesregierung und Europäische Union handeln.

Fortschritt darf nicht auf Kosten eines freien Wettbewerbs erzielt werden

Wozu der zunehmende Kontrollverlust über Daten führen kann, spiegelt sich auch in der Techlash-Debatte. Es geht um das Unbehagen, das die Marktmacht und die Produkte von Technologiekonzernen auslösen, die allesamt auf der Auswertung großer Datenmengen fußen. Wir erleben hier eine Gegenbewegung im Informationszeitalter, die wir ernst nehmen sollten. Allerdings müssen wir achtgeben, dass aus schieren Ängsten keine regulatorischen Hemmnisse werden. Zu hohe regulative Anforderungen für die Digitalisierung behindern den Fortschritt – nicht nur in unserer Branche.

Fortschritt darf aber nicht auf Kosten eines freien Wettbewerbs erzielt werden: Die ideale technische Lösung für die Wahlfreiheit der Verbraucher und einen funktionierenden Markt rund um die Autodaten ist auch deshalb eine herstellerunabhängige Plattform in vernetzten Autos, die den Datenaustausch standardisiert, sicher macht und für alle zugänglich ist. Dafür setzen sich die deutschen Kfz-Versicherer ein und haben aus berufenem Mund Unterstützung erhalten: Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie kommt zum Ergebnis, dass die geforderte „On-board Application Platform“ tatsächlich die beste Lösung ist – weil sie den Autofahrern die Hoheit über ihre Daten zuweist, den Wettbewerb sicherstellt und eine marktbeherrschende Stellung der Autohersteller verhindert.

Im Sinne der Techlash-Diskussion wäre das auch eine vertrauensfördernde Maßnahme, wenn Sie mich fragen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

Zur Startseite
Auch inter­essant