Kolumne
Ver­si­che­rer als Inves­to­ren

Das Fatale an einer funk­tio­nie­ren­den Infra­struk­tur

Die Europäische Union will private Investoren für Anlagen in Infrastrukturprojekte begeistern. Ein Schritt in die richtige Richtung.

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken gemacht über den Nutzen, den sagen wir mal eine Brücke stiftet. Tag aus, Tag ein – für jeden Menschen, der sie überquert.

Immer wenn ich eine Brücke überquere, so viel kann ich sagen, denke ich nicht im Traum daran, in Ehrfurcht zu erstarren: Vor meinem persönlichen oder gar dem volkswirtschaftlichen Nutzen, den dieses sicher aufwändig und mit großem Arbeitseinsatz vieler Menschen konstruierte Bauwerk stiftet. Ich fahre einfach drüber weg.

Statt Wertschätzung dominiert die Macht der Gewohnheit

Das ist das Fatale an einer funktionierenden Infrastruktur und ihrem zweifellos gigantischen Nutzen für unsere Gesellschaft: Viel zu selten nimmt man sie bewusst wahr. Statt bewusster Wertschätzung dominiert die Macht der Gewohnheit: Die Brücke war doch schließlich immer schon da, oder nicht?

Das ist vermutlich ein wichtiger Grund dafür, dass es um den Zustand der Infrastruktur nicht sonderlich gut bestellt ist. Das Thema rutscht über die oftmals lange Lebensdauer solcher Projekte nach und nach auf der Prioritätenliste nach unten: Die Brücke ist gebaut, ihr Nutzen wird schnell selbstverständlich, Wartung und Instandhaltung sind Dinge, die niemanden glücklicher machen, wenn er eine Brücke überquert. Weil es schlicht vorausgesetzt wird, dass eine Brücke natürlich und einwandfrei ihre Last zu tragen hat.

Das geht meist lange gut – viel zu lang. Dann tauchen erste Probleme auf, es ruckelt, Fahrstreifen werden gesperrt, Baustellen behindern den Verkehr. Am Ende steht nicht selten eine Teilsperrung der Brücke – und der potenzielle Nutzen des Bauwerks plötzlich wieder hoch im Kurs.

Dieses Phänomen können Sie nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa beobachten. Mittlerweile scheint mir allerdings ein Wendepunkt erreicht. Rund 315 Milliarden Euro will die EU gemeinsam mit privaten Investoren für den Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur aufbringen. Solche Projekte passen gut zum Geschäftsmodell von uns Versicherern, das auf Sicherheit und Langfristigkeit ausgelegt ist. Sie versprechen zudem stabile Erträge, erst recht angesichts der niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten.

Derzeit sind noch weniger als ein Prozent der Kapitalanlagen der deutschen Versicherer von insgesamt gut 1,4 Billionen Euro in den Bereichen Infrastruktur und erneuerbare Energien investiert. Würden wir diesen Anteil nur um einen Prozentpunkt erhöhen, käme schon ein zusätzlicher Betrag von 14 Milliarden Euro zusammen. Ich begrüße daher den Vorstoß der EU-Kommission ausdrücklich, Investitionen in Infrastruktur für Versicherer künftig zu erleichtern und bin gespannt, welche Dynamik dieser Schritt auslösen wird – in unserer Branche, aber auch bei der Entwicklung von Standards für öffentliche Bauvorhaben mit privater Beteiligung.

Verlässliche politische Rahmenbedingungen

Die Eigenmittelanforderungen für Infrastrukturinvestitionen zu senken kann jedoch nur der erste Schritt sein. Viel wird davon abhängen, wie diese Pläne der EU in nationales Recht umgesetzt werden, mit wieviel Verve die öffentliche Hand Projekte tatsächlich ausschreibt und vor allem, wie stark sich die Investoren auf die Stabilität politischer Rahmenbedingungen verlassen können. Zu welchen Problemen ein Richtungsschwenk führen kann, ist gerade in Norwegen zu beobachten. Die Regierung hat hier kürzlich die Durchleitungsgebühren für ein Gasnetz gekappt – nachdem es privatisiert und an Investoren verkauft worden war.

Wenn wir beim Beispiel der Brücke bleiben, haben Infrastruktur und die Produkte unserer Branche eins gemeinsam: Auch Versicherungen stiften Tag aus, Tag ein einen unschätzbaren Nutzen, den viele Menschen aus der Macht der Gewohnheit kaum mehr wahrnehmen, nachdem sie ihre Police abgeschlossen haben.

Versicherungen schaffen Freiheitsgrade, nicht nur im Ernstfall übrigens, sondern über ihre gesamte Laufzeit.

Ihr


Jörg von Fürstenwerth

Zur Startseite