Kolumne
Kolumne Sicher­heit im Stra­ßen­ver­kehr

Das Abbie­gen und Abbrem­sen von Lkw ver­bes­sern – und Men­schen­le­ben ret­ten

Deutschland braucht eine couragierte Verkehrssicherheitspolitik, die den bestehenden Rechtsrahmen anwendet – und den Stand der Technik auch zügig in die Fahrzeuge bringt.

Immer wieder sterben Radfahrer bei Zusammenstößen mit abbiegenden Lastwagen, und zwar unnötig. Sie geraten in den tückischen toten Winkel, so dass die Fahrer sie nicht sehen. Würden alle Lastwagen mit elektronischen Abbiegeassistenten ausgerüstet, könnten jährlich rund 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindert werden, rechnet die Unfallforschung der Versicherer vor.

Solange die Zahl der Verkehrstoten nicht Null beträgt, ist das Ziel nicht erreicht

Schon seit Jahrzehnten engagiert sich unsere Branche dafür, die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen und Unfälle zu vermeiden. Die gemeinsamen Anstrengungen mit Politik, Polizei, Verbänden und Industrie haben sich gelohnt: In den letzten vier Jahrzehnten waren immer weniger Verkehrstote zu beklagen. Im Jahr 2017 ist die Zahl der Opfer gar auf den niedrigsten Stand seit Bestehen der Bundesrepublik gesunken. Aber: Solange die Zahl der Verkehrstoten nicht Null beträgt, ist das Ziel nicht erreicht. Vor allem dürfen wir uns nicht dem Glauben hingeben, eine gewisse Anzahl Verkehrstoter sei der Preis, den wir für unsere Mobilität zahlen müssten. Das wäre zynisch, angesichts der auch im Jahr 2017 zu beklagenden mehr als 3000 gewaltsam endenden Leben. Das Beispiel Abbiegeassistent für Lastwagen macht dies überdeutlich.


Die Debatte um seine Einführung ist schon viel zu lange ergebnislos geblieben. Insofern begrüße ich es sehr, dass augenscheinlich Bewegung in den Prozess kommt – und der Bundesverkehrsminister in dieser Woche den Kontakt zu allen Beteiligten gesucht hat: Spediteure, Logistikverbände, Lkw-Hersteller, Zulieferer, Radfahr- und Verkehrssicherheitsverbände, technische Prüfdienste Verkehrspolizisten und auch Versicherer trafen sich in Berlin. Die geplante Förderung des Bundes zur Nachrüstung von Abbiegeassistenten für Lkw ist der richtige Weg, um die Zeit bis zu einer europaweiten Ausstattungspflicht zu überbrücken. Wichtig ist es nun, die wirklich wirksamen Nachrüstsysteme zu identifizieren. Dafür bedarf es zügig eines Anforderungskataloges, der es den technischen Prüfdiensten erlaubt, diese Systeme abzunehmen.

Die Fakten: In Deutschland werden jährlich fast 1700 Radfahrer und Fußgänger bei Kollisionen mit Lkw ab 3,5 Tonnen verletzt. Diese Unfälle ereignen sich häufig innerorts. Bei Unfällen mit tödlichem Ausgang dominieren schwere Lkw. Abbiegeassistenten sind aktuell bei verschiedenen Fahrzeugherstellern in der Entwicklung oder schon als Option erhältlich und lassen sich mit dem heutigen Stand der Technik realisieren. Modellrechnungen haben gezeigt, dass mit solchen Systemen rund 43 Prozent aller Unfälle zwischen schweren Lkw und Radfahrern sowie Fußgängern hätten vermieden werden können, und dass etwa 31 Prozent dieser bei Kollisionen getöteten Radfahrer und Fußgänger vor dem Tode hätten bewahrt werden können.

Notbremsassistenzsystem: Vorgabe der EU stellt nicht den Stand der Technik dar

Und wir könnten noch viel mehr tun: Einen hohen Anteil an Verkehrsunfällen mit Beteiligung von Lkw bilden Kollisionen, bei denen ein Lkw auf ein vorausfahrendes oder stehendes Fahrzeug auffährt – vorwiegend am Stauende oder im stockenden Verkehr. Derartige Unfälle verursachen oft schwere Personen- und Sachschäden. Seit November 2015 müssen europaweit alle neu zugelassenen Lkw ab 8 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht mit einem Notbremsassistenzsystem  ausgestattet  sein (Verordnung 347/2012/EC). Diese Systeme sollen kritische Auffahrsituationen rechtzeitig erkennen, den Fahrer bei konkreten Kollisionsrisiken warnen und beim Ausbleiben einer angemessenen Fahrerreaktion eine autonome Notbremsung einleiten. Die Vorgabe der Europäischen Union stellt jedoch nicht den Stand der Technik dar und ist somit unbefriedigend. Wegen des hohen Anteils von Auffahrunfällen mit stehenden Vorausfahrzeugen sollten die gesetzlichen Anforderungen verschärft werden, so dass der jeweils beste Stand der Technik eingesetzt wird. Dabei muss die Notbremsfunktion permanent verfügbar sein und ein manuelles Ausschalten durch den Fahrer sollte nicht mehr zulässig sein.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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