Kolumne
Vola­tile Märkte

Alles reine Spe­ku­la­tion!

Wirtschaftliche Chancen und Risiken sind eng miteinander verknüpft. Vor allem angesichts möglicher Bewertungsblasen durch die Geldpolitik der Notenbank sind Aktien in den Portfolios von Versicherern derzeit zu Recht unterrepräsentiert.

Ich habe mit Interesse den diesjährigen Welt-Risiko-Bericht des Weltwirtschaftsforums in Davos gelesen. Weniger überraschend sind dabei für mich die von den befragten 750 Managern und Wissenschaftlern ausgemachten kritischen Szenarien gewesen: der Klimawandel, der weltweite Strom von Flüchtlingen, Cyberkriminalität, Terroranschläge, Wirtschaftskrisen – die Liste lässt sich fortsetzen. Aufhorchen lässt vielmehr eine andere Aussage: Noch nie in der elfjährigen Geschichte dieser Studie habe es eine so breit gefächerte Risikolandschaft gegeben, heißt es. Die einzelnen Gefahren seien dabei immer stärker miteinander verbunden, lautet der Befund.

Nehmen Sie etwa den Klimawandel, der in Zukunft die Flüchtlingsströme deutlich verstärken könnte. Oder die scharfe Korrektur der Börse in China, die gerade stattgefunden hat – ausgerechnet kurz vor dem Weltwirtschaftsforum, das heute in Davos startet. Es ist eine dieser alten Börsenweisheiten, das die erste Handelswoche eines Jahres tonangebend für den Rest des Jahres ist. Insofern müsste der sehr schlechte Start der Börsen in das Jahr 2016 Anlass zu großer Sorge für Kapitalanleger geben: Setzt sich die Schwäche von Chinas Börsen fort – und zieht das die globalen Märkte mit nach unten?

Chinas Börsensturz bedeutet kein akutes Problem für deutsche Versicherer

Wenn Sie mich fragen: Alles reine Spekulation! Sicher ist: Für die deutschen Versicherer bedeutet der sehr schlechte Start in das Aktienjahr 2016 kein akutes Problem – das ist die gute Nachricht. Die Branche hält im Schnitt aus guten Gründen mittlerweile nur noch knapp 5 Prozent Dividendentitel – das ist zu wenig für ernsthafte Verwerfungen, komme in China, was da wolle.

In den Jahren vor der Finanzkrise lag dieser Wert noch höher. Die Versicherungsbranche hat aus diesen Erfahrungen gelernt, gerade weil sie die Garantiezusagen für unsere Kunden jährlich erfüllen muss und Kursschwankungen nicht mal eben aussitzen kann. Schon vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen: Lobeshymnen auf Aktien sind einseitig. Sie mit Anleihen gleichzusetzen, wie es gerade im vergangenen Jahr immer mal wieder postuliert wurde, halte ich sogar für gefährlich.

Gesamtwirtschaftliches Umfeld erschwert Investitionen in Aktien

Dabei wollen wir Versicherer unser Kapital natürlich auch in die Realwirtschaft investieren – zum Nutzen der Volkswirtschaft und selbstverständlich auch im Sinne der Renditen unserer Kunden. Wir begrüßen etwa Investitionen in Infrastrukturprojekte. Unternehmensanleihen können durchaus attraktiv sein und natürlich investieren wir auch direkt zu einem gewissen Anteil in Aktien.

Erheblich schwankende Kurse vertragen sich allerdings nur schwerlich mit dem Geschäftsmodell der Assekuranz. Und das bringt mich zur schlechten Nachricht: Auch in Zukunft werden Aktien in den Portfolien der Versicherer wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen, zumindest so lange wie die chronische Niedrigzinspolitik der Notenbanken eine von fundamentalen Entwicklungen geleitete Börse verhindert. Vielmehr unterstützt gerade diese Geldpolitik mögliche Spekulationsblasen, weil sie immer mehr Anleger auf der Jagd nach Rendite in Aktien treibt. Die offensichtliche Abhängigkeit des Deutschen Aktienindex vom Wohl und Weh der chinesischen Volkswirtschaft zeigt, wie sensibel der Markt derzeit tickt. Last but not least: Hinzu kommen die auch in Davos diskutierten zunehmenden globalen Risiken, die sich wechselseitig verstärken können.

Mit Blick auf das hohe Finanzierungspotenzial der deutschen Versicherer von insgesamt fast 1,5 Billionen Euro ist das schon bedauerlich – erst Recht für die Entwicklung einer nachhaltigen Aktienkultur in Deutschland. Diese Strategie ist aus meiner Sicht aber ohne echte Alternative – zumindest im derzeitigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld.

Ihr

 
Jörg von Fürstenwerth

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