Lite­ra­tur­emp­feh­lung

„Die Pest“ von Albert Camus

In loser Folge veröffentlichen wir an dieser Stelle Reden, Gastbeiträge und anderes Lesenswertes. Diese Buchempfehlung erschien zuerst im Weekender-Newsletter der „Wirtschaftswoche“.

Dieser Titel mag wie eine Anpassung an den Zeitgeist der gegenwärtigen Corona-Pandemie wirken. Aber die erste Ausgabe dieses Buches - ich habe inzwischen mehrere in mehreren Sprachen – ist bereits ein rotes Rowohlt-Taschenbuch für 5,80 Mark von 1986, der Zeit meines Zivildienstes. Seitdem lese ich das Buch fast jedes Jahr einmal wieder, es ist mein Lieblingsbuch, so wie Albert Camus, der französische Existentialist und Meister des Absurden, mein Lieblingsschriftsteller geworden ist.

Der Klappentext schreibt: „In der nordafrikanischen Stadt Oran bricht eine furchtbare Seuche aus. Die sich unerbittlich ausbreitende mörderische Epidemie bestimmt allmählich das gesamte Leben der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt und verändert es. Ein großartiges Sinnbild des apokalyptischen Grauens, das den Einzelmenschen angesichts der maßlosen kollektiven Verhältnisse unserer Zeit befällt. Doch nimmt der Leser die Gewissheit mit, dass Mut, Willenskraft und Nächstenliebe auch ein scheinbar unabwendbares Schicksal meistern können.“

Natürlich hat das Buch heute einen direkten Bezug zur Corona-Pandemie, wer hätte vor einigen Jahren je gedacht, persönlich in Europa eine Quarantäne zu erleben und zu erfahren, was diese mit Menschen macht? Daher war das Buch 2020 zeitweise auch nicht lieferbar. Die fürchterliche, unmenschliche Szene eines Kindes im Todeskampf. Wer vergisst je diese Zeilen, das unschuldige Kind wird nicht gerettet, wie so viele Menschen weltweit auch nicht im Kampf gegen Corona.

Hoffnung in allen Zeiten

Aber das Buch weist für mich über die Tagesaktualität hinaus. Da ist zum Beispiel die fast an Ablehnung grenzende Auseinandersetzung mit der Religion, aber ein tief empfundenes Gespür dafür, was heilig ist. Die immer gültige Erkenntnis von Menschlichkeit, Freundschaft und Liebe für unser Zusammenleben. Das gibt Hoffnung, in allen Zeiten. Die Betonung der Einfachheit, des Alltäglichen dabei. Bei allen Fehlern und Mittelmäßigkeit, Camus betont „daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“.

Das Buch, gerade in Französisch, ist von einer eindrucksvollen, einfachen, fast traditionellen Sprache. Nichts Unverständliches oder Gekünsteltes (ganz anders als Jean-Paul Sartre zur gleichen Zeit). Es passt zu Camus‘ Antwort auf die berühmte Frage: Welches sind Ihre 10 Lieblingswörter? „Die Welt, der Schmerz, die Erde, das Lachen, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.“ Das kennt jede, und jeder versteht es.

Das ist aus meiner Sicht lesenswert, schon 1986, auch heute, auch morgen.

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