GDV-Haupt­ge­schäfts­füh­rer über Nach­hal­tig­keit

„Ver­si­che­rer: Prä­des­ti­nierte Part­ner für die grüne Trans­for­ma­tion der Wirt­schaft“

Gut, dass das Bundesverfassungsgericht von der Politik klare Emissionsziele für die Zeit nach 2030 einfordert. Nur so kann die Wirtschaft langfristig planen. Versicherer machen die auf Klimaschutz ausgerichtete Transformation der Wirtschaft konkret. Wie? Wir dokumentieren einen Beitrag des GDV-Hauptgeschäftsführers, Jörg Asmussen, aus „Versicherungswirtschaft heute“.

Das Bundes-Klimaschutzgesetz greift zu kurz – so die Meinung des Bundesverfassungsgerichts. Die Karlsruher Richter haben die Bundesregierung daher unlängst dazu aufgefordert, bis Ende kommenden Jahres die Reduktionsziele für Treibhausgasemissionen für die Zeit nach 2030 näher zu regeln.

Das ist ein wegweisendes Urteil für mehr Klimaschutz. Hier muss mehr passieren, damit die Auswirkungen des Klimawandels gemindert werden. Es ist gut, dass Karlsruhe von der Politik klare Emissionsziele für die Zeit nach 2030 einfordert. Nur so kann die Wirtschaft schon jetzt langfristig planen: Auch für uns als Versicherer sind solche Emissionsziele wichtig. Das Geschäftsmodell von Versicherern zielt seit jeher auf die langfristige Absicherung von Risiken – Nachhaltigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür.

Es gibt bereits viel Bewegung: Der Sustainable-Finance-Beirat hatte der Bundesregierung schon Ende Februar sein Konzept für eine nachhaltige Finanzwirtschaft vorgelegt. Das Gremium lieferte damit eine erste Orientierung für ein komplexes Thema.

Die vergangene Woche von der Bundesregierung beschlossene Sustainable Finance-Strategie ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines nachhaltigen Finanzsystems. Besonders positiv: die Ankündigung, zukünftig verstärkt grüne Anleihen zu emittieren. Damit Versicherer mehr grüne Finanzprodukte verkaufen können, sind sie auf deutlich mehr grüne Kapitalanlagen angewiesen.

Der Staat ist gefordert, aber längst nicht nur. „Jeder Akteur im Finanzsystem muss sich fragen, ob die Nachhaltigkeitsrisiken erkannt sind und alle Chancen der Transformation genutzt wurden", sagte unlängst etwa Finanz-Staatssekretär Jörg Kukies. Das ist richtig!

Versicherer unterstützen deshalb die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen und die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens. Wir wollen einen Beitrag zum Green Deal und zu einem klimaneutralen Europa leisten. Dazu positionieren wir uns klar und deutlich:

  1. Bis 2025 wollen Versicherer mindestens in ihren deutschen Liegenschaften klimaneutral arbeiten.
  2. Bis 2050 streben Versicherer die Treibhausgasneutralität ihrer Kapitalanlagen an; bereits bis 2025 und dann fortlaufend sollen CO2-Reduktionen in den Portfolios realisiert werden.
  3. Schließlich werden Versicherer langfristig keine gewerblichen und industriellen Risiken mehr ins Portefeuille nehmen, wenn ihre Kunden und Geschäftspartner keine Anstrengungen hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft unternehmen. Für die zügige Transformation setzt die Branche auf Dialog mit der Politik und ihren Kunden.

Das ist weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis: Versicherer machen die auf Klimaschutz ausgerichtete Transformation der Wirtschaft konkret. Als erster Versicherungsverband in Europa ist der GDV Unterstützer der globalen Net-Zero Asset Owner Alliance geworden. Damit werden wir Teil eines Netzwerks der weltweit größten Kapitalanleger, die die CO2-Emissionen ihrer Anlageportfolios bis zur Mitte des Jahrhunderts nach dem Stand der Wissenschaft auf netto Null reduzieren wollen.

Versicherer leisten ihren Beitrag– aber dazu brauchen sie aber konsequente politische Unterstützung. Politik handelt nachhaltig, wenn sie sich marktwirtschaftlich kohärent verhält und den Akteuren der ökologischen Transformation Leitplanken setzt, an denen sie sich ausrichten können:

Was heißt das?

Zum Beispiel, dass Marktmechanismen so gestaltet werden, dass das Verursacherprinzip konsequent berücksichtigt wird. Die schädliche Freisetzung von Kohlendioxid muss den Preis einer Ware mitbestimmen.

Zum Beispiel, dass sich Investitionsentscheidungen von Versicherern künftig noch stärker an nachhaltigen Kriterien ausrichten werden, dabei aber immer gleichzeitig auch das Versicherungsaufsichtsgesetz und die Solvency II-Regeln einhalten müssen.

Nachhaltigkeitsvorgaben müssen also zu den Risiken passen – und Nachhaltigkeit hat viele Facetten. Eine allgemein gültige Lösung gibt es nicht, auch nicht für Versicherer. Kleine und große, Voll-, Nischen- und Sparten-Versicherer sind mit unterschiedlichen Nachhaltigkeits-Herausforderungen konfrontiert. Die Anforderungen der Regulierung sowie die Aufsichtspraxis sollten diese Unterschiedlichkeit berücksichtigen.

Versicherer wollen Ihre Kapitalanlagen nachhaltiger gestalten. Dafür benötigen sie aber ein viel breiteres Angebot am Markt. Bisher werden nur 4 Prozent der jährlichen Anleihe-Neuemissionen als Green Bonds emittiert. Ferner braucht es mehr Investitionschancen für grüne Infrastrukturprojekte, damit schnell Fortschritte bei der CO2-Reduzierung erreicht werden.

Nachhaltige Investments brauchen Transparenz: Für nachhaltiges und klimaneutrales Handeln benötigen Unternehmen umfangreiche, verlässliche, aber auch einfach handhabbare Informationen. Dafür wird mit der Taxonomie in der Europäischen Union ein ambitioniertes Klassifizierungssystem geschaffen. Damit Investoren mit diesen Informationen arbeiten können, müssen sie klar und standardisiert in einer frei zugänglichen Datenbank bereitgestellt werden.

Die Zeit drängt, der Klimawandel ist im vollen Gange: Versicherer sind prädestinierte Partner für die grüne Transformation der Wirtschaft und eine nachhaltige Infrastruktur. Sie werden die Debatte um nachhaltige Kapitalanlagen prägen und fördern – und auch die Branche selbst wird Schritt für Schritt nachhaltiger.

Der Beitrag erschien am 6. Mai 2021 in Versicherungswirtschaft heute


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