29.04.2008 | GDV-Presseforum 2008 Risikosport Motorradfahren - ABS muss serienmäßig eingebaut werden Sportmotorräder besonders betroffen
Je sportlicher das Motorrad und je niedriger das Leistungsgewicht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fahrer bei einem Unfall schwer verletzt wird. Das ist das wichtigste Ergebnis eines von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) bei der TU Dresden und der TU Berlin in Auftrag gegebenen Forschungsprojekts. Ziel war es, das Unfallgeschehen nach Häufigkeit der Konstellation und Schwere der Unfälle so zu betrachten, dass daraus Maßnahmenempfehlungen abgeleitet werden können.
Hintergrund ist die zunehmend erschreckende Unfallentwicklung bei Motorrädern. Zwar sind hier, wie auch bei allen anderen Kraftfahrzeugen, die absoluten Zahlen der Getöteten und Verletzten in den letzten Jahren stetig gesunken. Allerdings sind die Fahrleistungen mit der zunehmenden Benutzung des Motorrads als Freizeitgerät auch erheblich gesunken. Pro eine Milliarde gefahrener Kilometer halbierte sich die Zahl der getöteten Motorradfahrer knapp von 114 im Jahre 1991 auf rund 67 im Jahr 2005. Bei den Pkw verringerte sich diese Zahl jedoch im gleichen Zeitraum um zwei Drittel von fast 14 auf knapp 5. Daraus errechnet sich im Vergleich, dass das Risiko auf einem Motorrad getötet zu werden im Jahr 2005 etwa 14 mal so hoch war, wie in einem Pkw. Im Jahr 1991 war das Risiko nur acht mal höher. „Wenn andere Risikosportarten wie Bergsteigen, Drachenfliegen oder Kite-Surfen diese Getötetenraten hätten, hätte der Gesetzgeber sich längst zum Handeln gezwungen gesehen“, sagte der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, Siegfried Brockmann.
Bestandteil der Studie war eine gemeinsam mit der Zeitschrift MOTORRAD durchgeführte Fahrerbefragung. Diese zeigte bereits deutliche Hinweise auf das Problem Sportmotorräder. Deren Fahrer bezeichneten ihren eigenen Fahrstil quer durch alle Altersgruppen als deutlich sportlicher als die Besitzer anderer Maschinengattungen. Auch die Anzahl der eingeräumten Verkehrsverstöße war bei Sportfahrern am größten. In der Detailanalyse der in der Unfalldatenbank der Versicherer gespeicherten Unfälle bestätigte sich dieses Bild: Je schwerer die Verletzung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um den Fahrer einer Sportmaschine handelt.
Untersucht wurde auch die Frage, ob es günstiger ist, auf der Maschine sitzend auf den Unfallgegner zu prallen oder rutschend. Das Ergebnis ist ein klares Plädoyer für ABS: Die mittlere Verletzungsschwere war sitzend um rund ein Drittel geringer. „Wir bekräftigen daher unsere langjährige Forderung nach serienmäßigem Einbau dieses Lebensretters. Da gerade bei Sportmaschinen aber kaum Fortschritte erkennbar sind, befürworten wir auch eine EU-Regelung,“ so UDV-Leiter Brockmann.
Die Detailbetrachtung Unfall beeinflussender Faktoren in der Straßenausstattung zeigte außerorts einen klaren Zusammenhang der Unfallbelastung zur Zahl der Kreuzungen bzw. Kuppen. Innerorts waren hingegen vor allem schlechter Fahrbahnzustand und Straßenbahnschienen auf der Fahrbahn an Unfallschwerpunkten zu beobachten.
Die Betrachtung der Unfallkonstellationen zeigte klar, dass sowohl innerorts als auch außerorts der Alleinunfall mit Abkommen von der Fahrbahn sehr häufig auftritt und, wenn er auftritt, mit überproportional hohem Anteil schwere Verletzungen zur Folge hat. Daneben sind sowohl innerorts als auch außerorts Unfälle an Kreuzungen und Einmündungen besonders häufig und besonders schwer.
„Wenn Straßenbauer und Motorradindustrie aus dieser Untersuchung die Konsequenzen ziehen, könnte viel erreicht werden. Vor allem aber sollten Motorradfahrer aufhören, sich als unschuldige Opfer zu sehen. Dann könnten sie auch ihr Verhalten ändern“, folgert Siegfried Brockmann aus der Untersuchung. Immerhin sind mehr als die Hälfte der Außerortsunfälle selbstverschuldet. Die Auffälligkeit der Sportmotorräder und der vielen Kreuzungsunfälle zeigt auch, dass Motorradfahrer selbst bei unverschuldeten Unfällen durch ihr eigenes Verhalten erheblich zur Abwendung oder zu einem glimpflicheren Unfallverlauf beitragen könnten. „Fahrsicherheitstrainings dürfen deshalb nicht nur die Beherrschung der Maschine zum Ziel haben, sondern müssen dem Motorradfahrer auch seine Mitverantwortung aufgrund seiner schmalen Silhouette und seiner für Pkw-Fahrer nicht begreifbare Beschleunigung vermitteln“, so Brockmann.