09.01.2018
Kriminalität

Wie die Mafia auch Versicherungen betrügt

Bei einem Großeinsatz der Polizei gegen die kalabrische Mafia hat es in Italien und Deutschland insgesamt mehr als 170 Festnahmen gegeben. Bei organisierter Kriminalität denken viele wie im aktuellen Fall an Mord, Erpressung, Geldwäsche, Verstöße gegen das Waffengesetz bis hin zur illegale Verschiebung von Müll. Zu den Geldquellen zählt aber auch Versicherungsbetrug. Von Henning Engelage

Schon der Tatort aus Ludwigshafen hat es am vergangenen Sonntag klar gemacht: Der Arm der Mafia reicht weit hin nach Deutschland. Konkret ging es um das illegale Verschieben von Sondermüll. Gutes Timing für die ARD-Produktion, denn heute macht im realen Leben eine spektakuläre Razzia gegen das organisierte Verbrechen Schlagzeilen, die zwischen den italienischen und deutschen Behörden abgestimmt war. Allein in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen wurden elf mutmaßliche Mitglieder der Mafiaorganisation ´Ndrangheta festgenommen, wie das Bundeskriminalamt mitteilte. Insgesamt ist von über 170 Festnahmen die Rede. Es geht um Mord, Erpressung, Geldwäsche, illegale Verschiebung von Müll und vieles mehr.

Zu den Mafia-Delikten zählt häufig auch Versicherungsbetrug: „Versicherungsbetrug gehört mittlerweile zum Instrumentenkasten des organisierten Verbrechens“, sagt Kurt Werling, Fachanwalt für Versicherungsrecht aus Ludwigshafen. Das illustriert ein Beispiel aus der Gastronomie: Erst brennt die Pizzeria und nur gut eine Woche später wird dort auch noch eingebrochen. Das klingt nach einer echten Pechsträhne für den Besitzer – zumal ihm nur vier Jahre zuvor beides schon einmal widerfahren war. Doch das Unglück hat Methode: Brand und Einbruch sind fingiert oder wurden vorsätzlich herbeigeführt, die Versicherung soll dann für den Schaden zahlen, während vor den Auftragstaten die Wertsachen längst in Sicherheit gebracht wurden.

Mit solchen Tricks versuchen kriminelle Banden immer wieder, die Assekuranz zu prellen. Den Pizzeria-Besitzer mit der Pechsträhne kennt Werling gut: Als Anwalt, der Versicherer vertritt, hatte er bereits öfter mit ihm zu tun. Seit 1992 war der Mann bereits an mindestens 14 gestellten Verkehrsunfällen beteiligt, im Jahr 2000 wurde er deshalb zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt – auf Bewährung wegen einer günstigen Sozialprognose.

Seit den 1980er zählt Versicherungsbetrug zur Masche der Mafia

„Bereits in den 80er-Jahren haben sich Kriminelle aus den Mafia-Hochburgen in Kalabrien und Sizilien auch bei Versicherungsgesellschaften eine Geldeinnahmequelle von erheblicher Bedeutung verschafft“, sagt Wolfgang Rahm, Mafia-Experte beim Landeskriminalamt in Stuttgart. Meist gehe es um vorgetäuschte Autodiebstähle, fingierte Verkehrsunfälle oder selbst verursachte Brandschäden, die vom Versicherer reguliert werden sollen.
In einem Bericht des Landeskriminalamts Baden-Württemberg heißt es bereits im Jahr 2000: „Die Auswertungsergebnisse lassen den Schluss zu, dass sich mutmaßliche Mitglieder italienischer krimineller Vereinigungen enorme Einnahmequellen erschlossen haben, indem sie vorsätzlich Brandversicherungsfälle herbeiführen.“ Auch fingierte Einbrüche, bei denen die vermeintlich wertvolle Beute bereits Tage zuvor anderswo untergebracht wurde, sind eine Methode organisierter Krimineller. In der Kfz-Versicherung werden von Mafiosi Autos als gestohlen gemeldet, die sie selbst ins Ausland gebracht haben.

Betrug ist oft schwer nachzuweisen

Die Präferenz für den Versicherungsbetrug folgt einer nüchternen Abwägung: Gegenüber dem Banküberfall ist der Betrug weniger riskant, die Strafen sind vergleichsweise mild. „Die Kriminellen suchen sich Taten aus, die bei relativ geringem Risiko hohe Gewinne versprechen“, erklärt Rahm. So hat der Pizza-Gastronom aus der Nähe von Ludwigshafen laut Werling einen Gesamtschaden von 300.000 Euro geltend gemacht. Dazu kommt der Schaden am Haus, den die Gebäudeversicherung des Hauseigentümers zusätzlich übernahm.

Die Betrugsbekämpfung bei solchen Schäden ist für Versicherer sehr aufwendig. Ihr Problem: Sie müssen den Betrug belegen, was in der Praxis sehr schwer fällt. „Die Täter sind absolute Profis“, sagt Peter Holmstoel vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Bei einem Brand entstehe nachweislich ein Schaden. Es sei aber schwer vor Gericht nachzuweisen, dass es eben der Versicherungsnehmer war, der den Brand in Auftrag gegeben und so vorsätzlich den Schaden herbeigeführt hat. Während sich der Verdacht bei amateurhaften Ersttätern recht schnell mit handfesten Beweisen erhärte, seien die Kriminellen aus dem Mafia-Milieu viel professioneller. Kommissar Rahm formuliert es mit einem Fußball-Bild: „Die spielen Champions League.“

Banden verursachen hohe Einzelschäden

Durch Versicherungsbetrug entsteht den deutschen Versicherern jedes Jahr ein Schaden von schätzungsweise bis zu 5 Mrd. Euro. Die Masse entfällt auf alltägliche, unscheinbare Betrügereien im privaten Bereich. Die Zahl der organisierten Betrüger ist vermutlich verschwindend gering, ihre Taten fallen aber durchaus ins Gewicht. „Die wenigen Personen betreiben das beinahe gewerbsmäßig und verursachen hohe Einzelschäden“, sagt Holmstoel.

Für den Pizzabäcker riss nach mehreren Betrugsfällen die Glückssträhne ab: Als er seiner Kfz-Versicherung abermals einen Diebstahl anzeigte, weigerte sich diese zu zahlen, und ließ es auf einen Prozess ankommen. Auch in zweiter Instanz glaubte das Gericht nicht daran, dass das Auto überhaupt gestohlen worden war. Ein kleiner Etappenerfolg für den Versicherer. Doch strafrechtlich belangt wurde der Pizzabäcker auch danach nicht.