14.12.2017
Kolumne Jahresausblick 2018

Volksvertreter, sputet Euch!

Die Versicherungswirtschaft wird auch 2018 auf Kurs bleiben. Wesentliche Themen des kommenden Jahres für die Politik – europäisch und national – aber auch für uns Versicherer liegen glasklar auf dem Tisch. Jetzt gilt es sie voranzubringen. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Zum Jahresende werden wir Versicherer ein weiteres Jahr in einem Umfeld extremer Niedrigzinsen und stetig steigender und nicht enden wollender neuer Regulierungslasten gut überstanden haben. Diese Lasten, mit denen uns die Europäische Zentralbank und vor allem der europäische Regulierer konfrontiert, diese Lasten zu bewältigen kostet viel Kraft und Energie, Zeit und Geld, aber vor allem: Sie binden Kräfte, die zum Wohle aller besser in zukunftsgerichtete Projekte investiert wären.

Eine Regierungsausfall-Versicherung wird es auch im Falle einer Neuwahl nicht geben

Mit Blick auf das politische Berlin ist klar: Für uns Versicherer kommt es – wie für alle Branchen – darauf an, dass die Parteien, die sich zur Wahl gestellt haben, endlich Verantwortung für unser Land übernehmen und eine stabile Regierung bilden. Und zwar zügig! Die Durchhänger in Europa und auch die abwartende Haltung der Ministerien, alles nachvollziehbar, doch der Zug fährt weiter … und wir schauen zu. Das können wir uns nicht leisten – Volksvertreterinnen und Volksvertreter, sputet Euch! Sicher ist: Eine Regierungsausfall-Versicherung wird es auch im Falle einer Neuwahl im kommenden Jahr nicht geben.

Dabei müssen die Parteien eine gemeinsame Vorstellung des Deutschlands von Morgen entwickeln, die über die Grenzen des Landes hinausweist und einen längeren Zeitraum als die vier Jahre einer Legislaturperiode in den Blick nimmt. Deutschland braucht überzeugende Antworten: Die Bewältigung des Klimawandels und seiner Folgen, die generationengerechte Verteilung der Kosten des demographischen Wandels, die Modernisierung der Infrastruktur und die Anpassung von Wirtschaft und Gesellschaft an Wertschöpfung und Kommunikation in der digitalen Welt.

Die Altersvorsorge bleibt dabei auch im nächsten Jahr eines der zentralen Themen, mit denen wir uns befassen. Wir wünschen uns eine Politik, die das System der Alterssicherung weiter demografiefest macht. Denn in den kommenden Jahren werden die ersten Babyboomer in Rente gehen. Wir begrüßen daher die Idee einer Rentenkommission. Sie sollte alle wichtigen Akteure versammeln.

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Dabei sind wir in Deutschland bei der Sicherung der Altersvorsorge in diesem Jahr schon ein gutes Stück vorangekommen: Höhere Riester-Zulagen, Verbesserungen bei der betrieblichen Altersversorgung – schon 2018 treten zahlreiche Neuerungen in Kraft. Welche das genau sind, haben wir hier für Sie zusammengetragen. Schade nur, dass all die Dinge, die die große Koalition in der letzten Legislatur erfolgreich nach vorne gebracht hat, jetzt so hinter parteitaktischen Erwägungen zurücktreten.

Mehr Aufmerksamkeit für Naturgefahren und Cyber-Sicherheit schaffen

Es sind längst unbestrittene Fakten, keine fake news: die wachsende Gefahr von extremen Wetterereignissen und Cyberangriffen. Wir werden ihnen im kommenden Jahr größere Aufmerksamkeit verschaffen: Eine Naturgefahren-Initiative wird Verbraucher ansprechen und soll sie sensibilisieren, ihr Haus und ihren Hausrat gegen Elementarrisiken wie Hochwasser oder Starkregen abzusichern. Eine Kommunikationsinitiative für Cyber-Versicherungen wird sich an kleine- und mittelständische Betriebe mit dem Ziel richten, dass sie sich besser vor den Risiken aus dem Internet schützen.

Die Digitalisierung wird den Wandel in der Versicherungswirtschaft weiter beschleunigen. Sie ist der wahre Treiber der Veränderung. Was das etwa für die Jobs unserer Branche bedeutet, beleuchtet die neue Ausgabe unseres Verbandsmagazins „Positionen“ mit dem Titel „Jetzt Karriere in der Versicherung machen“. Der Kampf um Talente tobt und mit InsurTechs drängen neue Anbieter auf den Markt. Wir setzen uns für die Schaffung eines positiven Umfeldes für die Nutzung neuer Technologien ein: Aber natürlich auf Grundlage eines Level Playing Fields zwischen etablierten Anbietern und den Start-ups; kurzum: die Regulierung muss anbieterneutral sein.

Regulierungseifer bremsen

Zum Schluss: Wir haben als deutsche Versicherer mit großer Anstrengung und mit ganz erheblichem Aufwand Solvency II eingeführt. Doch kaum ist das neue Aufsichtssystem implementiert, liegen bereits die ersten Änderungsvorschläge auf dem Tisch. Ich meine: Kurzatmige, punktuelle Änderungen und Verschärfungen müssen, gerade auch im Interesse der Finanzstabilität, unbedingt vermieden werden. Daher zum Jahresende der Appell an die nationalen und europäischen Regulierer: Bremsen Sie Ihren Regulierungseifer und lassen Sie die Regeln zunächst wirken und evaluieren Sie sie, bevor sie geändert werden.
Ihr
Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth