07.12.2017
Kolumne Unternehmerische Risiken

Regelungseifer trifft Unternehmergeist

Staatliche Eingriffe bereiten Managern deutscher Unternehmen zunehmend Kopfschmerzen. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des GDV. Kein Wunder, wenn sich neue Regeln schon wieder ändern sollen, bevor sie überhaupt wirken. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Man sollte meinen, dass sich die Manager deutscher Unternehmen etwa darum sorgen, dass sie den allgegenwärtigen technologischen Wandel bewältigen, keine Marktanteile verlieren oder gutes Personal gewinnen. Doch eine heute beim Jahrespressegespräch der Kreditversicherer vorgestellte repräsentative Forsa-Umfrage unseres Verbandes zeigt: Die größten unternehmerischen Risiken sind derzeit gar nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur.

Kreditversicherer schützen Exporteure auch vor politischen Risiken

Insbesondere die Angst vor politischer Instabilität treibt die Entscheider der stark exportorientierten deutschen Wirtschaft um. Der Brexit, ein weltweit wachsender Protektionismus, eine schärfere Sanktionspolitik und die geopolitischen Pulverfässer im Nahen Osten und auf der koreanischen Halbinsel nähren die Sorge, dass der wiedererstarkte Welthandel schnell ausgebremst werden könnte.

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Wer sich in einem solchen Umfeld gegen unliebsame Überraschungen absichern möchte, findet bei Versicherern gute Lösungen: Die Kreditversicherer decken nicht nur 15 Prozent aller deutschen Exporte gegen Zahlungsausfälle, sondern sichern Exporteure auch gegen politische Risiken ab – vom Widerruf einer Exportlizenz über Beschränkungen von Geldtransfers bis hin zu Sanktionen.

Doch die wirtschaftlichen Folgen internationaler Politik sind nur eine von vielen Formen, in der sich staatliches Handeln auf unternehmerischen Erfolg auswirken kann. Noch stärker als von geopolitischer Instabilität ist die deutsche Wirtschaft von immer neuer staatlicher Regulierung und sich ständig ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen betroffen. Auch das zeigt unsere Forsa-Umfrage. Kreditversicherer ziehen für diesen Trend in der Regel das Beispiel des Insolvenzrechts heran, das sich in den letzten Jahren zum Nachteil gutgläubiger Lieferanten entwickelt hat und sich durch eine neue EU-Richtlinie weiter zu verschlechtern droht.

Wer wie ich in der und für die Versicherungswirtschaft arbeitet, sieht die Probleme des ausufernden staatlichen Aufsichts- und Regelungseifers aber nicht nur durch die Brille des Kunden, sondern spürt sie auch selbst unmittelbar. Beispiel Solvency II: Unsere Branche begrüßt das neue Aufsichtssystem, auch wenn die Umsetzung mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand verbunden war und immer noch ist. Wir haben aber kein Verständnis dafür, wenn gerade erst mühsam eingeführte Regeln nach kürzester Zeit schon wieder in Frage gestellt werden.

Doch genau das tut momentan die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA. Beispiel ist die Ultimate Forward Rate (UFR): Die UFR bezeichnet den Zinssatz, der – vereinfacht gesagt – in 60 Jahren erwartet wird. Damit keine Langweile aufkommt, steht eine Überprüfung der Kennziffer im Raum. Unsere Kritik daran haben wir bereits hinlänglich geäußert, was Sie etwa hier nachlesen können.

Jede vorschnelle Regeländerung bindet Aufmerksamkeit und Ressourcen

Für unsere Branche ist das alles andere als eine akademische Diskussion: Bei einer Absenkung müssten die Versicherer heute höhere Rückstellungen für Verpflichtungen bilden, die sehr weit in der Zukunft liegen. Darüber hinaus bindet jede vorschnelle staatliche Regeländerung Aufmerksamkeit und Ressourcen, die unsere Mitglieder – und da geht es ihnen offenbar genauso wie weiten Teilen der deutschen Wirtschaft – deutlich lieber ihrem eigentlichen Kerngeschäft widmen würden.

Wenn also in einer branchenweiten Abfrage des GDV über 97 Prozent der Befragten Solvency II für unverhältnismäßig komplex halten, ist das auch als ein Appell zu verstehen, den Unternehmen eine regulatorische Atempause zuzugestehen. Dazu gehört mindestens, die neuen Regeln erst einmal wirken zu lassen, bevor man sie wieder ändert – längst nicht nur für Versicherer.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth