13.12.2017
Digitalisierung

Die neuen Pläne der Insurtechs

Anfangs traten Start-ups vor allem als Versicherungsvermittler auf – mit begrenztem Erfolg. Nun bieten sich viele als technischer Dienstleister für die Assekuranz an und einige streben gar selbst nach einer Versicherungslizenz. Von Henning Engelage

Noch vor einigen Monaten war es das große Modewort: der digitale Versicherungsordner. Dahinter verbarg sich meist ein Online-Makler, der alle Policen – von Haftpflicht über Hausrat bis zur Berufsunfähigkeit – digital verwaltet und seinen Kunden den schnellen Zugriff auf ihre Verträge per Handy ermöglicht. Und der über das Maklermandat die Möglichkeit hat, dem Kunden regelmäßig neue Verträge zum Abschluss anzubieten – und so immer wieder Provisionen verdient.

Doch mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt. „Dieses Geschäftsmodell ist gecrasht“, sagt Julian Teicke, Gründer von Wefox, kürzlich auf der Insurtech-Messe Innovario in Bonn. Noch unter dem Namen Financefox hatte Teicke das Modell eines Versicherungsordners verfolgt und alles versucht, um bekannt zu werden: Fernsehwerbung, Online-Anzeigen. „Das große Problem war, dass es Kunden nicht interessiert“, sagt Teicke mit Blick auf die Online-Verwaltung von Verträgen. Bei Akquisekosten von 300 bis 400 Euro pro Kunde sei das Geschäftsmodell einfach nicht durchzuhalten gewesen. Wefox hat sich mittlerweile strategisch umorientiert und bietet anderen Maklern an, seine Plattform für die Betreuung ihrer Kunden zu nutzen.

Julian Teicke, Gründer von Wefox:

„Das große Problem war, dass es Kunden nicht interessiert“

Neugründungen abseits von Vertriebsmodellen

Auch andere Start-ups im Vertriebsbereich haben ihre Strategien teilweise radikal geändert. Der Run vieler Insurtechs auf E-Commerce-ähnliche Vertriebsmodelle „stößt in der komplexen Versicherungswelt an seine natürlichen Grenzen“, konstatiert die Unternehmensberatung Oliver Wyman im „Insurtech Radar 2017“, der in Zusammenarbeit mit Policen Direkt entstand. Zwar hat sich die Zahl der neuen Unternehmen in diesem Jahr auf 110 mehr als verdoppelt. Die Start-ups zielen nun aber auf andere Bereiche des Versicherungsgeschäfts: Schadenabwicklung, Bestandsverwaltung, Kundenkommunikation.

„Wir merken, dass immer mehr Insurtechs die Versicherer nicht mehr allein an der Kundenschnittstelle angreifen wollen“, sagt auch Theresa Jost, Geschäftsführerin des Innovario-Veranstalters V.E.R.S. Leipzig. Das von der V.E.R.S. entwickelte Start-up-Radar, eine Übersicht über den europäischen und amerikanischen Fintech-Markt, belegt die wachsende Anzahl an Neugründungen abseits der reinen Vertriebsmodelle. Und sie haben andere Ambitionen als ihre forschen Vorgänger. Die neuen Start-ups wollten eher mit Versicherern kooperieren, als sich in einer feindlichen Übernahme zwischen Assekuranz und Versicherungskunde zu schieben, erklärt Jost.

Klaus Wiener, Chefvolkswirt des GDV:

„Die neuen Anbieter können mit ihren Technologien als ‚Enabler‘ wirken und viele Chancen sowohl für sich selbst als auch für die etablierten Versicherer eröffnen“

Versicherer können von Start-ups profitieren

Die neuen Start-ups treten an, um mit Künstlicher Intelligenz die Schadenabwicklung der Versicherer zu beschleunigen, die Video-Identifizierung per App zu ermöglichen oder bei der Einbindung von intelligenten Chatbots in der Kundenkommunikation zu helfen. Zum Vorteil für beide Seiten. „Die neuen Anbieter können mit ihren Technologien als ‚Enabler‘ wirken und viele Chancen sowohl für sich selbst als auch für die etablierten Versicherer eröffnen“, sagt Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Davon profitierten nicht zuletzt auch die Kunden. „Zum Beispiel kann durch die Digitalisierung von Geschäftsprozessen der Versicherungsschutz effizienter angeboten werden“.

Doch es gibt auch den anderen Trend: den Angriff der Neuen auf das Kerngeschäft der Assekuranz. Mittlerweile haben eine ganze Reihe von Start-ups eine Versicherungslizenz beantragt oder planen diesen Schritt. Um in Deutschland als Risikoträger Versicherungsgeschäfte zu betreiben, braucht es eine solche Lizenz. Andernfalls müsste sich ein Start-up immer einen etablierten Versicherer als Partner mit ins Boot holen.

Erste Startups mit Versicherer-Lizenz

In der ersten Angriffswelle hatten die Start-ups eine Risikoträgerschaft noch gescheut – auch weil die finanziellen und regulatorischen Hürden deutlich höher sind als bei der Gründung eines Online-Maklers. Das ändert sich nun, wenngleich die Zahl der Lizenzanträge noch überschaubar ist. Als erste haben der digitale Krankenversicherer Ottonova und der Sachversicherer Element das anspruchsvolle BaFin-Verfahren erfolgreich hinter sich gebracht. Auch Teicke gründet neben Wefox noch den Digital-Versicherer One, um den Markt aufzumischen – allerdings will er zukünftig mit einer Versicherungslizenz aus Liechtenstein operieren.

Dass die neuen Anbieter die Traditionsunternehmen verdrängen, ist nach Ansicht von GDV-Chefvolkswirt Wiener aber nicht zu erwarten. Die Gründe dafür: zunehmende Innovationsanstrengungen auch der etablierten Anbieter, die geringen Monopolisierungstendenzen des Versicherungsmarktes, vergleichsweise geringe Skaleneffekte und der nicht vorhandene Patentschutz für Versicherungsprodukte. „Am Markt erfolgreiche Lösungen werden meist schnell auch von anderen Anbietern aufgegriffen und in deren Geschäftsmodell integriert“, sagt Wiener. Zurücklehnen können sich die etablierten Versicherer aber angesichts der Herausforderungen nicht: „Nur wer Produkte und Dienstleistungen anbietet, die Kunden in einer digitalen Welt haben wollen, wird in Zukunft überleben – ganz gleich, ob Start-up oder traditioneller Anbieter.“