23.11.2017
Kolumne Künstliche Intelligenz

Wenn Kollege Computer immer schlauer wird

Künstliche Intelligenz beschert uns Versicherern völlig neue Chancen: Dabei müssen wir aufpassen, dass die realen Potentiale der Digitalisierung nicht von fiktionalen Horrorvisionen überlagert werden. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Als Steven Spielberg Anfang des Jahrtausends seinen Film „A.I.“ in die Kinos bringen wollte, musste er noch den Zusatz „Artificial Intelligence“ zum Titel hinzufügen. Selbst der normalerweise immer gut vorbereitete US-Talkshow-Gastgeber Matt Lauer hatte zuvor den Film als „A1“ angekündigt, eine beliebte Steak-Sauce in den USA. Im Gegensatz zu A1 war das Phänomen Artificial Intelligence bis dahin aber nur einem kleinen Kreis aus Informatikern und intellektuellen Vordenkern ein Begriff.

Prozesse ohne menschliches Eingreifen abschließend bearbeiten

Heute wird die Abkürzung A.I. – oder im deutschen KI für „Künstliche Intelligenz“ – wie selbstverständlich verwendet, sobald auf Empfängen oder Konferenzen der Small Talk auf das nächste große Hype-Thema gelenkt wird. Das wird der Sache aber längst nicht gerecht: gerade wir Versicherer sehen künstliche Intelligenz als eine möglicherweise revolutionäre Technologie, die enorme Chancen bietet.

Leistungsfähigere Rechensysteme ermöglichen es unseren Unternehmen schon jetzt, viele Prozesse abschließend zu bearbeiten, ohne dass ein menschliches Eingreifen nötig wäre. Vollautomatisierte Verfahren machen es leichter möglich, innerhalb kürzester Zeiträume Verträge zu schließen und Schadenersatzzahlungen automatisch anzuweisen. Wenn der Versicherer alle Informationen über elektronische Wege zur Verfügung gestellt bekommt, erhalten Versicherte schneller Versicherungsschutz und im Schadenfall wird das Geld schneller ausgezahlt – dies selbstverständlich unter Berücksichtigung von Datenschutz und Datensicherheit. Und selbst im Kundenservice könnten künftig Chat-Bots viele Standard-Anfragen schneller beantworten. Künstliche Intelligenz wird dieser Automatisierung noch einen weiteren Schub geben.

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Von George Orwell zu Stanley Kubrick

In der öffentlichen Debatte wird aber leider aus Mangel an Sachkenntnis über die Technik auf die Schreckensbilder zurückgegriffen, die sich in Form von Film und Literatur in das kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Und was bei Big Data George Orwells „1984“ ist, könnte bei künstlicher Intelligenz der HAL9000 aus Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ sein: ein intelligenter, sprechender Supercomputer, der sich aufgrund eines Zielkonflikts gegen die Menschen wendet. Solche fiktionalen Erzählungen prägen aufgrund ihrer Eingängigkeit und Verständlichkeit unser Verständnis und die gesellschaftliche Diskussion über die neue Technik mit.

Diesen apokalyptischen Visionen sollten wir Versicherer mit Fakten entgegentreten und die positiven Seiten der neuen Technik zeigen. Das tut der GDV, etwa in Form einer Interviewreihe „Reden wir über Digitalisierung“. Das Thema treibt unsere Branche und unseren Verband um. So auch auf dem zweitägigen GDV-Jahreskongress „Datenwirtschaft: vernetzt, intelligent, sicher“, der am Mittwoch in Köln zu Ende gegangen ist.

Auf dem jährlichen Expertenforum, das sich längst zum Top-Austauschplatz für IT-Ideen in unserer Branche entwickelt hat, ging es in diesem Jahr zuallererst um die Perspektiven, die sich aus dem Einsatz von so genannter Künstliche Intelligenz (KI) bietet. Wer jetzt an abgedrehte Diskussionen über denkende Roboter wie Freund HAL9000 denkt, der liegt komplett falsch. KI ist bei uns angekommen. Sehr gut passt hier das Diktum von Prof. Udo Hembrecht, dem Direktor der Europäischen Agentur für Netz- und Informationssicherheit, der in Köln den Auftakt markierte: „Technology is business“!

Im Zweifelsfall müssen wir auch ausschalten können

An vielen Stellen unserer Branche sind intelligente Technologien bereits ganz konkret im Einsatz: Rainer Sommer von der Generali Deutschland zeigte, wie deren Robotic Process Automation (RPA) die Schadenbearbeitung optimiert und stark beschleunigt. Vergleichbare Wirkung erreicht die Provinzial Rheinland, so ihr stellvertretender Vorstandschef Patric Feldmeier, mittels softwarebasierter semantischer Sprachanalyse. Für Volker Gruhn, Professor für Informatik und Gründer der Softwarefirma Adesso, kommt es bei KI in der Praxis auf kalkulierte Fortschritte an. Er warnte vor einer Überhöhung der Möglichkeiten der KI, riet gleichzeitig zu mutigem Realismus beim Einsatz der Technologien – und verwies auf die ethische Dimension des Themas: „Im Zweifelsfall müssen wir auch ausschalten können.“ Es gelte, die „Autonomie des handelnden Menschen“ zu wahren.

Ja, mutig und besonnen, so sollten wir beim Einsatz von KI vorgehen. Daran werden wir gemessen, von Politik, Gesellschaft, unseren eigenen Mitarbeitern. Besonnenheit wünsche ich hier aber auch den Regulierern: Zurzeit wird auf europäischer Ebene an Auslegungen der Datenschutzgrundverordnung gearbeitet. Wir sollten aufpassen, dass diese Leitlinien nicht zu hohe regulative Anforderungen für die Automatisierung aufstellen und so den Fortschritt behindern. Das wäre das Gegenteil von Chancen nutzen. Die Potenziale der Digitalisierung dürfen nicht von Horrorvisionen überlagert werden. Hier sollten Fakten zählen und nicht Fiktion.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth