10.11.2017
Säulenübergreifende Renteninformation

Warum ein Rentenportal noch auf sich warten lässt

Bislang haben Verbraucher keinen Überblick über ihre zu erwartenden Alterseinkünfte. Die Politik will das nun ändern und eine säulenübergreifende Renteninformation einführen. Die Idee hat viele Unterstützer, auch die Versicherungswirtschaft befürwortet das Projekt. Doch der Weg dahin ist steinig. Von Karsten Röbisch.

In der Politik gibt es immer wieder Themen, die kurz aufpoppen und dann wieder in Vergessenheit geraten. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion über eine säulenübergreifende Renteninformation. Schon vor mehr als zehn Jahren kursierte die Idee, Verbrauchern einen Gesamtüberblick über ihre zu erwartenden Altersbezüge zu geben – aus gesetzlicher Rente sowie betrieblicher und privater Altersvorsorge. Passiert ist seitdem wenig.

Nun nimmt die Debatte wieder Fahrt auf. Noch-Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) hat sich kürzlich für eine Online-Plattform ausgesprochen, die den Menschen einen einfachen Überblick über alle ihre Rentenansprüche geben soll. Der mögliche Koalitionspartner FDP hat dieses Vorhaben sogar in seinem Wahlprogramm verankert, auch die Grünen sind dafür.

Zwei Drittel der Deutschen kennen ihre Rentenansprüche nicht

Dass eine solche Auskunft eine gute Idee und längst überfällig ist, gilt als unstrittig: Schließlich ist die gesetzliche Rente für die meisten Menschen nicht die einzige Einkommensquelle im Alter. Sieben von zehn Beschäftigten sorgen zusätzlich vor. Wieviel dabei insgesamt herauskommt, das können aber nur die wenigsten abschätzen. Umfragen zufolge kennen zwei Drittel der Deutschen ihre Rentenansprüche nicht – was nicht verwundert. Dazu müssten sie die Informationen aller Versorgungsträger mühsam einzeln zusammentragen und wären selbst dann kaum schlauer. Zu sehr unterscheiden sich die Angaben und Berechnungsmethoden.

Ein elektronisches Renten-Portal würde helfen: Es könnte die Daten bündeln, vergleichbar machen und grafisch anschaulich darstellen. „Die Menschen bekämen so schnell einen Gesamtüberblick über ihre künftigen Rentenansprüche und könnten auch eher auf Versorgungslücken reagieren“, sagt Peter Schwark, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der das Vorhaben unterstützt

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Größter Knackpunkt: Vergleichbarkeit der Daten

Der Aufbau eines Portals ließe sich wohl problemlos umsetzen. Die Schwierigkeiten beginnen bei der technischen Anbindung aller Träger der Altersvorsorge. Viele müssten ihre Daten erst für den Onlineabruf aufbereiten. Zudem muss sichergestellt sein, dass die Daten aus den verschiedenen Quellen den Verbrauchern eindeutig zugeordnet werden können. Das Problem: In Deutschland gibt es keine Bürgerkennzahl, die ein Leben lang unveränderlich ist und anhand deren die Menschen eindeutig identifiziert werden können. Lösen ließe sich das Problem mit der Steueridentifikationsnummer (Steuer-ID), deren Verwendung bislang nur für steuerliche Zwecke erlaubt ist. „Mit einem Spezialgesetz ließe sich die Nutzung der Steuer-ID auch für das Rentenportal ermöglichen“, sagt Schwark.

Der größte Knackpunkt beim Aufbau einer säulenübergreifenden Renteninformation ist jedoch das Wie. Wie die unterschiedlichen Daten aufbereiten und vergleichbar machen? Welche Annahmen sollen gelten, um aus aktuellen Anwartschaften die Rente in 20 oder gar 30 Jahren zu berechnen? Und wie umgehen mit Leistungen, die nicht auf einem Garantiezins fußen; oder – wie bei gesetzlicher Rente oder Pensionen – nicht von der Entwicklung am Kapitalmarkt abhängen? Es ist ein Spagat: Einerseits sollen die Angaben möglichst genau sein, andererseits wollen die Altersvorsorge-Träger einen großen Aufwand vermeiden.

Viele Interessensgruppen sitzen am Tisch

Klar ist: Nur wenn viele mitmachen, kann das Projekt ein Erfolg werden. „Was nutzt ein Online-Rentenkonto, wenn man keine Zahlen hat, die man einstellen kann“, betont Konrad Haker, Referatsleiter im Bundesarbeitsministerium (BMAS). Sein Haus will bis Jahresende eine Machbarkeitsstudie für ein Rentenportal in Auftrag geben, Ergebnisse sollen im Herbst 2018 vorliegen. „Es ist ein sehr dickes Brett, das wir in Deutschland bohren müssen“, gibt Haker zu. Schließlich sitzen viele Parteien mit am Tisch: von der Deutschen Rentenversicherung, den Pensionskassen, Arbeitgebern, berufsständischen Versorgungswerken, Lebensversicherern, der Beamtenversorgung bis hin zu den Riester-Anbietern.

Einige von ihnen arbeiten bereits seit Längerem in der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG) an einem Konzept für eine einheitliche Rentenauskunft auf freiwilliger Basis. Schon hier zeigt sich, wie weit die Vorstellungen auseinander liegen und wie schwer es ist, die Interessen unter einen Hut zu bekommen. Die Rentenversicherung sorgt sich um seriöse Vergleichsrechnungen; die Arbeitgeber scheuen wiederum den Aufwand für die Berechnung der Direktzusagen. Auch die Versicherer haben eigene Vorstellungen davon, wie die Rente berechnet werden sollte: „Es muss ein Betrag sein, der sich in den Standmitteilungen der Versicherer wiederfindet“, sagt GDV-Geschäftsführer Schwark.

Informationspflicht contra freiwillige Lösung

Angesichts dieser Gemengelage bezweifeln manche Experten, dass eine Rentenauskunft auf freiwilliger Basis möglich ist. „Es gibt ein sehr zersplittertes Altersvorsorge-Netz. Ich glaube nicht, dass sich daraus ein freiwilliges System entwickelt“, sagt Klaus Morgenstern vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA). Er plädiert daher für einen Zwang: „Die Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass es eine Informationspflicht braucht.“

Als ein Musterschüler in der Renteninformation gilt mit Schweden jedoch ein Land, das auf eine freiwillige Lösung setzt. Seit 2004 gibt es dort das Portal MinPension, das mittlerweile 99 Prozent des schwedischen Rentenkapitals abdeckt und bei dem 55 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter angemeldet sind. In Schweden gibt es aber zwei Besonderheiten: Staat und Wirtschaft kooperieren traditionell sehr eng miteinander. Zudem wird die staatliche Rente ähnlich berechnet wie die kapitalgedeckte, so dass der Vergleich leichter fällt. Als Vorbild für Deutschland tauge Schweden daher nicht, warnt Haker vom Bundessozialministerium. Zudem habe es auch in Schweden eine lange Vorbereitungsphase gegeben, ehe das Portal eingeführt wurde.

Schrittweiser Aufbau oder Warten auf die beste Lösung?

Aus Sicht des DIA ist hierzulande mittlerweile genug Zeit verstrichen. Das Institut mahnt zur Eile. „Man muss ja nicht mit der besten Lösung anfangen. Im Zweifelsfall startet man mit einem Prototypen, den man sukzessive verbessert“, so Morgenstern. Andere Länder seien auch so vorgegangen.

Ein Beispiel dafür ist Großbritannien, das 2016 mit dem Renten-Dashboard ein Pilotprojekt gestartet hat. Die technische Umsetzbarkeit wurde inzwischen bewiesen, die britische Finanzmarktaufsicht hat zudem schon verbindliche Vorgaben für die Hochrechnung der Rentenanwartschaften entwickelt. Rund 20 Altersvorsorge-Anbieter unterstützen das Projekt, das 2019 abgeschlossen sein soll. Wie es danach weitergeht und ob die Plattform ein Erfolg wird, ist ungewiss. Denn wichtige Punkte sind auch hier noch offen.