15.11.2017
Kolumne Generation Mitte

Von der schwierigen Sehnsucht nach dem „kollektiven Freizeitpark“

Länger zu arbeiten, ist nicht populär – auch nicht bei der Generation Mitte. Dennoch gehört das Thema auf den Tisch der laufenden Sondierungs- und kommenden Koalitionsgespräche. Dabei könnte das Einsetzen einer Rentenkommission der richtige Weg sein. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Angesichts mancher Antworten unserer diesjährigen „Generation Mitte“-Umfrage musste ich in diesen Tagen wieder an das geflügelte Wort Helmut Kohls vom „kollektiven Freizeitpark“ denken. Für die Jüngeren: Das war im Jahr 1993. Kohl beklagte zu junge Rentner, zu alte Studenten, zu viel Urlaub und kürzer werdende Arbeitszeiten.

Mit dem Wohlstand wachsen in der mittleren Generation auch die Ansprüche

Heute, 24 Jahre später, ist einiges anders: Es gibt fast 5 Millionen Erwerbstätige mehr, das gesetzliche Renteneintrittsalter ist höher, die Hochschulabsolventen jünger. Angesichts der guten wirtschaftlichen Lage ist die mittlere Generation zufrieden, optimistisch und sogar ein wenig stolz: Zufrieden mit der eigenen Lebensqualität und der politischen Stabilität unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, optimistisch hinsichtlich des zukünftigen Wohlergehens und stolz auf die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und die eigene Leistungsbereitschaft.

Eine schöne Momentaufnahme, zweifellos. Gleichwohl scheint in den Umfragen an der einen oder anderen Stelle durchaus eine gewisse Sehnsucht nach dem Kohl‘schen kollektiven Freizeitpark durch. Denn mit dem Wohlstand wachsen in der mittleren Generation auch die Ansprüche. In Zeiten geringer Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel soll der Arbeitsplatz sowohl gut bezahlt sein als auch viel Urlaub bieten, soll nicht stressig, aber auf jeden Fall abwechslungsreich sein und gute Aufstiegsmöglichkeiten bieten, aber keine Überstunden verlangen.

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Versuch des Gesundbetens unseres Rentensystems

Dieses Zielbild erscheint kaum realistisch. Und das Gleiche muss man leider auch von den Vorstellungen der Generation hinsichtlich ihrer Altersversorgung sagen. Trotz eines Hinweises auf die steigende Lebenserwartung meint nur eine kleine Minderheit, dass das Renteneintrittsalter weiter erhöht werden müsste. Stattdessen denken viele, das Rentensystem wäre schon dann zukunftsfähig, wenn auch Selbständige und Beamte einzahlen. Angesichts des tatsächlichen demografischen Drucks kommt das dem Versuch des Gesundbetens gleich.

Wir erkennen das Problem leicht, wenn wir das Jahr 1993 mit der heutigen Situation vergleichen: Real gingen die Menschen damals mit 63 Jahren in Rente, heute mit 64 Jahren. Da die Lebenserwartung aber deutlich schneller gestiegen ist als das Renteneintrittsalter, können die heutigen Rentner ihren Ruhestand sogar drei Jahre länger genießen. Im Durchschnitt sind es heute 22,2 Jahre. 1993 waren es nur 19,4. Zumindest Ältere sind seit Kohls Diktum des Jahres 1993 dem kollektiven Freizeitpark also eher näher gekommen.

Das Thema Rente muss deshalb zu den zentralen Themen der neuen Bundesregierung gehören. Da Beschlüsse in der Rentenpolitik für Jahrzehnte tragen müssen, kann das Einsetzen einer Rentenkommission der richtige Weg sein. Auch wenn der Gedanke, länger zu arbeiten, in der Generation Mitte nicht auf Begeisterung stößt, gehört das Thema bei der Rentenpolitik auf den Tisch. Ein Erfolg wäre es schon, wenn mehr Menschen tatsächlich bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeiten würden – und nicht wie derzeit durchschnittlich eineinhalb Jahre früher in Rente gehen.

Für die Erhöhung von 63 auf 64 Jahre haben wir fast ein Vierteljahrhundert gebraucht – das ist eine Veränderungsgeschwindigkeit, die wir uns im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten können.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth