07.11.2017
Makro und Märkte kompakt

Vier Gründe, warum die Versicherungswirtschaft wichtiger wird

Leistungsfähige Versicherungsmärkte sind für eine moderne Volkswirtschaft unverzichtbar. Es gibt trotz – oder gerade auch wegen – der zahlreichen, aktuellen Herausforderungen gute Gründe anzunehmen, dass die Versicherungswirtschaft in Zukunft eher noch an Bedeutung gewinnen wird.

Der deutsche Versicherungsmarkt befindet sich im Umbruch: Das Niedrigzinsumfeld, die digitale Transformation, eine veränderte Risikolandschaft, der demographische Wandel und die grundlegenden Reformen des Regulierungsrahmens stellen die Branche vor Herausforderungen. Die veränderten Rahmenbedingungen erfordern von jedem Versicherer eine Überprüfung seines Geschäftsmodells. Strategien und Dienstleistungen müssen an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Dies kann im aktuellen Umfeld auch bedeuten, dass einige Versicherer drastisch anmutende Maßnahmen treffen, um zukunftsfähig zu bleiben und die Chancen der neuen Welt nutzen zu können. „Die Übertragung von einigen Lebensversicherungsbeständen auf Konsolidierungsplattformen, die am Markt zu beobachten ist, fällt in diese Kategorie“, sagt der Chefvolkswirt des Verbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Klaus Wiener. „Unter anderem durch Spezialisierungsvorteile und optimierte Prozesse können so Kosteneinsparungen möglich werden, die den gesunkenen Kapitalerträgen und damit den Kollateralschäden entgegenwirken, die die extrem lockere Geldpolitik und das vor allem daraus resultierende, historisch einmalige Zinsumfeld mit sich bringen.“
Bei allen Reformmaßnahmen sind die Versicherer dabei in der Verantwortung, ihre Leistungsversprechen gegenüber ihren Versicherten vollumfänglich sicherzustellen. Dies wird auch durch den umfassenden Ordnungsrahmen für den deutschen Versicherungsmarkt abgesichert. Mit Solvency II besteht ein hochmodernes Aufsichtssystem. Hinzu kommen umfangreiche Verbraucherschutzregeln, etwa die strengen Vorgaben zur Beteiligung der Lebensversicherten an den erzielten Überschüssen. Alle Leistungsansprüche der Versicherten sind damit dauerhaft geschützt – auch bei sehr lang laufenden Verträgen und auch im Falle einer Weitergabe des Vertrags an einen anderen Versicherer.

„Mit ihrem einzigartigen Geschäftsmodell übernimmt die Versicherungswirtschaft eine unentbehrliche Rolle für jede hochentwickelte Volkswirtschaft“, sagt GDV-Chefvolkswirt Wiener. „Angesichts der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch der vielen Chancen, die insbesondere die Digitalisierung bringt, wird die Branche in vielen Bereichen noch wichtiger werden.“ Dafür seien vor allem vier Gründe maßgeblich:

  1. Die Digitalisierung erleichtert den Zugang zu Versicherungsschutz und ermöglicht die Versicherung weiterer Risiken.
    Mit der Digitalisierung werden die traditionellen Wege zum Versicherungsschutz – insbesondere der persönliche Kontakt zu einem Versicherungsvermittler – durch vielfältige neue Zugangsmöglichkeiten ergänzt. Diese reichen vom direkten Onlineabschluss bei einem Versicherer über Internetportale bis hin zum Abschluss per App eines digitalen Maklers. Die neuen Angebote richten sich oft auch an Bevölkerungsgruppen, die bisher noch unterdurchschnittlich abgesichert sind, wie etwa die jüngeren Altersgruppen der sogenannten Digital Natives. Neue Ansätze und Ideen in der Kundenansprache und der Präsentation von Risiko- und Versicherungsinformationen können den Umgang mit Versicherungsfragen erleichtern und tragen zur Schließung von Versicherungslücken bei.

  2. Durch Klimawandel und Digitalisierung entstehen zusätzliche Risiken, bei deren Bewältigung die Versicherer einen zentralen Beitrag leisten.
    Auch wenn nicht alle Risiken privatwirtschaftlich versicherbar sind und viele Mechanismen und Instrumente beim gesellschaftlichen Risikomanagement zusammenwirken müssen: Für viele Risiken ist die private Versicherung auf der Grundlage des Risikoausgleichs im Kollektiv und weiterer versicherungstechnischer Instrumente wie der Rückversicherung der optimale Weg des Risikoschutzes. Zwei wichtige Bereiche, in denen privater Versicherungsschutz derzeit stark an Bedeutung gewinnt, sind die Naturgefahren und die Cyberrisiken.

  3. In einer Welt, in der viele Risiken deutlich gestiegen sind und Wirtschaft sowie Gesellschaft vor großen Umbrüchen stehen, kommt der spezifischen Expertise der Versicherer für einen besseren Umgang mit Risiken und Risikoprävention eine zunehmende Bedeutung zu.
    Viele Informationen, die für eine fundierte Risikobeurteilung wichtig wären, sind für die Entscheidungsträger kaum oder nur zu hohen Kosten verfügbar und auch nicht ohne Weiteres zu interpretieren. Für die Versicherer ist es dagegen Teil ihres Kerngeschäfts, Risiken einzuschätzen und zu kalkulieren. In Zeiten einer hohen Veränderungsdynamik (Digitalisierung, Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel) gewinnt die Rolle der Versicherer als Partner in der Risikoprävention nochmals an Bedeutung. Gleichzeitig erhalten die Versicherer mit den neuen digitalen Technologien (Big Data, neuartige Analysetechnologien) ein zusätzliches Handwerkszeug für die Analyse von Risiken.

  4. Neue Garantiemodelle in der Lebensversicherung erlauben den Versicherern eine stärkere Finanzierung der Realwirtschaft, mit positiven Effekten für Innovationsdynamik und Wirtschaftswachstum:
    Mit der Bereitstellung von Versicherungsschutz ist untrennbar auch der Aufbau eines Kapitalstocks verbunden. Aufgrund der Vorauszahlung der Prämie und der Vorhaltung des notwendigen Sicherheitskapitals, vor allem aber durch die Verwendung des Kapitaldeckungsverfahrens bei der (langfristigen) Absicherung personenbezogener Risiken verfügen die Versicherer über erhebliche Kapitalbestände. Mit Kapitalanlagen von derzeit über 1,5 Bio. Euro gehört die Versicherungswirtschaft zu den wichtigsten institutionellen Investoren in Deutschland. Aufgrund des klassischen Geschäftsmodells der deutschen Lebensversicherung und der hohen Sicherheitsorientierung legen die Lebensversicherer ihren Kapitalanlagebestand bisher ganz überwiegend in sichere und liquide Rentenpapiere an. Dagegen macht die Anlage in Aktien nur 4,4 % der Kapitalanlagen aus. Vor dem Hintergrund der extremen Niedrigzinsphase haben die Versicherer zwar umfangreiche Anpassungen ihres Portfolios vorgenommen, etwa eine deutliche Erhöhung des Anteils von Unternehmensanleihen. Bei den Kapitalanlagen, die klassische Lebensversicherungen bedecken, sind die Anlagemöglichkeiten in höher rentierlichen, gleichzeitig aber riskanteren Anlagen durch die aufsichtsrechtlichen Vorgaben indes begrenzt. Hier wäre aus Sicht der Versicherungswirtschaft im Zusammenhang mit dem Solvency II-Review in den Jahren 2018 und 2020 noch einmal zu prüfen, ob Anpassungen in der erforderlichen Eigenmittelunterlegung gerade bei Langfristinvestments geeignet sind, damit Versicherer ihre Rolle als langfristige Finanzierer der Realwirtschaft wieder stärker wahrnehmen können. Aus volkswirtschaftlicher Sicht könnte dies zu einer Anhebung des Wachstumspfades beitragen.

„Die Versicherungswirtschaft gehört zu den wichtigsten Branchen der deutschen Volkswirtschaft“, so der GDV-Chefvolkswirt. Dies gelte nicht nur im Hinblick auf ihren Umsatz, den Beitrag zum Steueraufkommen oder ihre Arbeitgeber-Rolle. Noch viel wichtiger seien die zentralen Funktionen der Versicherer, ohne die eine moderne Wirtschaft und Gesellschaft nicht denkbar wären. „Versicherer leisten einen wesentlichen Beitrag für die soziale Sicherung der privaten Haushalte und ermöglichen durch die Übernahme von Risiken der Unternehmen wirtschaftliche Aktivitäten und Innovationen und damit letztlich ein höheres Niveau an Wohlfahrt und Beschäftigung.“

Die vollständige Analyse zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der Versicherungsbranche bietet die neue Ausgabe der GDV-Publikation „Makro und Märkte kompakt“ mit dem Titel „Vier Gründe, warum die Versicherungswirtschaft wichtiger wird“, die Sie im Downloadbereich auf dieser Seite finden.

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