21.11.2017
Interview-Serie "Reden wir über Digitalisierung"

„Die Diskussion um nachvollziehbare Algorithmen wird eine große Rolle spielen“

Die neuen Datenmengen aus Sensoren sind eine Herausforderung für Versicherungsmathematiker. Roland Weber, Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung, erklärt, wie Aktuare sich an den digitalen Datenschatz heranwagen und welche ethischen Grenzen Versicherer nicht überschreiten sollten.

Die Geschäftsstelle der Deutschen Aktuarvereinigung liegt zwar direkt an der Party Meile Kölns, doch in den Räumen dominiert nüchternes Weiß und der Surrealismus von Dali: Uhren schmelzen und Zahlen fließen dahin wie im Traum. Ob die neue Datenvielfalt aus Telematik, Wearables und Sensoren für Versicherungsmathematiker ebenso ein hegenswerter Traum ist, muss sich nach Ansicht von Deutschlands oberstem Aktuar, Roland Weber, erst noch zeigen. Nicht alle neuen Daten taugen für die Tarifierung von Versicherungen – und von manchen Daten sollten die Tarifkalkulierer auch aus ethischen Gründen die Hände lassen, sagt Weber, der im Vorstand der Debeka die Lebens- und Krankenversicherung verantwortet. Er fordert einen europäischen Kodex für den Umgang mit Big Data, auch weil die Diskussion um nachvollziehbare Algorithmen schon bald an Fahrt gewinnen werde. Manche Horrorvorstellung von Verbraucherschützern, zum Beispiel die Auflösung der Versicherungskollektive, wird ihm zufolge aber eben nur ein Albtraum bleiben, der nichts mit der Realität zu tun hat.

Als Aktuar arbeiten Sie schon immer mit großen Datenmengen. Was ist eigentlich das Neue an Big Data?
Roland Weber: Bisher haben wir Statistiken verwendet, bei denen wir bereits im Voraus festgelegt haben, welche Daten wir brauchen und wie diese strukturiert sein müssen. Durch Big Data bekommen wir riesige Mengen unstrukturierter Daten, möglicherweise im Minuten- und Sekundentakt. Wir wissen anfangs noch nicht, was wir damit machen können. Wir bekommen zum Beispiel Daten von Sensoren aus Autos, die nicht primär dafür geschaffen wurden, einen Versicherungstarif zu kalkulieren, sondern für andere Zwecke entwickelt wurden.

Und dennoch können Sie damit etwas anfangen?
Weber: Möglicherweise! Vielleicht können wir damit die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schäden exakter bestimmen. Die Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung sind ein erster Versuch, doch auch in der Industrieversicherung und bei Smart Home werden Aktuare dieses Ziel verfolgen. Wir schauen auch, ob wir bei der Minimierung von Schäden helfen können. Eventuell werden wir Risiken stärker differenzieren können. Und wir können vielleicht Menschen sowie Dinge versichern, die wir vorher nicht versichern konnten, weil wir jetzt mehr über sie und ihre Risiken wissen. Das kann hilfreich sein und den Versicherungsnehmern das Gefühl geben, gerechtere Prämien zu bezahlen.

Normalerweise greifen Sie auf sehr lange Datenreihen zurück. Bei Big Data fehlen Erfahrungswerte. Ist das nicht ein Risiko für die Kalkulation?
Weber: Immer wenn ich etwas Neues mache, ist ein bisschen Spekulation dabei, aber auch schon viel Wissen. Wir nutzen zum Beispiel für die Telematik-Tarife Erfahrungen aus dem Ausland, wo es solche Produkte schon länger gibt und Erfahrungswerte vorhanden sind. Bei der Einführung der Pflegeversicherung haben wir ja auch auf Daten aus Japan zurückgegriffen.

Und wenn das Ausland keine Daten bereit hält?
Weber: Dann muss ich mit systematischer Analyse von Verhaltensweisen, vielleicht auch mit Stichproben, versuchen, festzustellen, was ein Ausgangspunkt für die Kalkulation sein kann.

Mensch Weber: „ICH HABE MAL FÜR EINEN TASCHENRECHNER 350 EURO BEIM ZOLL BEZAHLT“

Mein erster Computer…
Ein Telefunken-Rechner TR440, der an der Uni in Kaiserslautern stand. Den habe ich bei Berechnungen für meine Diplomarbeit genutzt. Aber mein wirklich erster Rechner war 1974 ein Taschenrechner von Texas Instruments, den mein Onkel aus den USA geschickt hatte. Da musste ich noch 350 DM beim Zoll bezahlen für einen Rechner, der nur die vier Grundrechenarten konnte.
Das letzte Fax, das ich gesendet habe,…
Ich habe mit Sicherheit die letzten fünf Jahre kein Fax verschickt, deshalb weiß ich nicht, wann das war.
Meine erste Erinnerung an das Internet ist…
Die erste Seite von Spiegel Online so um 1994. Das war das erste, was ich im Internet geguckt habe.
Die letzte App, die ich runtergeladen habe, war…
Eine App von Cisco, damit ich aus dem VPN der Debeka ohne Probleme ins Internet komme.
Iphone oder Android?
Ich habe mich 2004 für einen Mac entschieden und damit die Grundsatzentscheidung für Apple getroffen.
Twitter oder Facebook?
Bei Twitter interessieren mich die Aktivitäten der Versicherer. Bei Facebook war ich nur für kurze Zeit, als mein Sohn so 14 oder 15 Jahre alt war. Ich wollte wissen, was er so einstellt, aber das war nicht viel. Inzwischen habe ich mich seit Jahren nicht mehr eingeloggt.
Buchladen oder Amazon?
Ich bin grundsätzlich gegen Monopole und sowohl Google, Facebook als auch Amazon streben Monopole an. Deshalb bemühe ich mich, nichts dort zu bestellen. Aber jetzt wollte ich gerade eine Kühltasche kaufen und die gab es außerhalb des Sommers nirgendwo. Ich war in vier Geschäften. Dann habe ich sie bei Amazon bestellt – schweren Herzens.
Auf meinem Schreibtisch steht:
Ein PC, ein Telefon, zwei iPads, ein iPhone, eine Flasche Wasser, ein Dutzend Unterlagen zu aktuellen Vorgängen und ein elektronischer Bilderrahmen mit den Fotos vom letzten Urlaub.
In zehn Jahren werden wir alle…
verantwortungsvoller mit Daten umgehen können als heute, weil wir mehr darüber wissen werden.
Roland Weber

Sie haben es dabei aber mit sehr schnell verändernden Risiken zu tun, zum Beispiel bei der Cyberversicherung.
Weber: Ja, aber das gilt ja auch für das Wetter und das Klima bei Überschwemmungsversicherungen. Die Prämie bleibt auch da nicht gleich, sondern verändert sich jährlich. Wir müssen immer wieder evaluieren: Stimmen unsere Annahmen oder muss ich etwas korrigieren? Auch bei Kfz-Tarifen wird jedes Jahr neu gerechnet. Langfristige Prognosen sind da nicht möglich. Wir können das nur für eine relativ kurze Zeit berechnen.

Provokant gefragt: Was unterscheidet dann die Arbeit eines Aktuars bei einer solchen Erstkalkulation vom qualifizierten Raten?
Weber: Wir stützen uns auf statistische Berechnungen und müssen unsere Entscheidungsgrundlagen nachvollziehbar festlegen. So können wir nach einem Jahr genau feststellen, woran es gelegen hat, wenn wir nicht die richtige Einschätzung getroffen haben. Raten ist es etwas anderes. Ich rate jede Woche die Lottozahlen.

Sie sprechen von nachvollziehbaren Grundlagen. Sind Big-Data-Analysen mit riesigen Datenmengen für den Menschen denn noch nachvollziehbar?
Weber: Bei regelbasierten Computersystemen legt der Mensch die Parameter fest, die gemessen werden. Und er entscheidet auch, welche Folgen das gemessene Verhalten etwa für die Prämie hat. Es gibt verschiedene statistische Analysemethoden, mit denen ich nachvollziehen kann, warum ich aus einem unstrukturierten Datenbündel bestimmte Ergebnisse errechnet bekomme.

Wie ist das bei künstlicher Intelligenz, bei der selbstlernende Systeme ihre eigenen Regeln formulieren?
Weber: Da wird es schwierig, zu überprüfen, warum ein System eine bestimmte Entscheidung trifft. Die Diskussion, wie nachvollziehbar Algorithmen sein müssen, die über Menschen entscheiden, wird in den nächsten zwei Jahren eine große Rolle spielen – nicht nur bei Informatikern und Aktuaren, sondern auch in der Politik.

Wie stehen Sie zum Einsatz von Big Data bei privaten Krankenversicherungen?
Weber: Für uns ist ganz klar, dass in der privaten Krankenversicherung eine verhaltensbasierte Tarifierung nicht zulässig ist – und sie ist auch nicht erwünscht. Daten, die mit Wearables ermittelt werden, sagen ohnehin nichts darüber aus, wie sich der Gesundheitszustand über Jahrzehnte verändert. Ob ein Mensch krank oder berufsunfähig wird, hängt oft von ganz anderen Faktoren als dem Verhalten oder der sportlichen Betätigung ab. Niemand kann zudem sagen, ob die Menschen die Geräte wirklich nutzen. Und viele dieser Daten betreffen die Intimsphäre eines Menschen. Ein Versicherer sollte solche Informationen nicht auswerten, um daraus Prämien zu kalkulieren.

Auch Einkaufsdaten werden schon genutzt. Und aus ihnen lässt sich schon einiges über den Lebensstil ableiten und prognostizieren.
Weber: Wenn man bei einer Risikolebensversicherung Bonuspunkte bekommt, weil man viel Gemüse in Bio-Märkten einkauft, hat das mit dem Versicherungstarif doch nichts zu tun. Das Risiko wird nur am Anfang des Vertrags berechnet. Die Bonuspunkte sind ein reines Kundenbindungsinstrument. Der Versicherer hat so häufiger Kontakt mit seinen Versicherten in Sparten, in denen das früher kaum der Fall war. Und so kann er seine Kunden stärker an sich binden.

Über unsere Serie: „Reden wir über Digitalisierung…“

Die Digitalisierung verändert die Versicherungsbranche – schnell und tiefgreifend. Geschäftsmodelle, Strukturen und Vertriebskanäle stehen auf dem Prüfstand. Im Rahmen einer Interviewserie berichten Vorstände, Macher und Entscheider aus der Branche, wie die technische Revolution ihren Arbeitsbereich umkrempelt und wie sie darauf reagieren. GDV.DE bietet eine Plattform für verschiedene Meinungen: Denn so vielfältig wie die Veränderungen sind auch die Reaktionen darauf.

Gibt es neben kalkulatorischen auch ethische Unterschiede zwischen Sach- und Personenversicherung, wenn es um die Nutzung von Big Data geht?
Weber: Definitiv! Big Data stößt zum Beispiel bei der Kontrolle von Wasserleitungen in Gebäuden auf eine ganz andere Akzeptanz in der Bevölkerung als bei Gesundheitsdaten. Sobald es um den Menschen geht, müssen wir sehr umsichtig sein. Wir Aktuare müssen die Diskussion mit Verbraucherschützern und der Politik suchen. In der Krankenversicherung dürfen wir schon heute vieles nicht.

Wie kann sichergestellt werden, dass Versicherer nicht doch die Privatsphäre immer weiter ausleuchten und den Versicherungsschutz an die Preisgabe neuer Daten knüpfen?
Weber: Wir brauchen eine Art europaweiten Kodex, der ethische Grenzen festlegt, welche Daten für die Kalkulation von Versicherungstarifen verwendet dürfen. Was darf ein Versicherer über die versicherten Objekte und Menschen wissen – und was nicht? Der Kodex sollte zwischen Verbraucherschützern, Politikern und Versicherern abgestimmt sein. Das wäre sinnvoll. Denn die EU-Datenschutzgrundverordnung reicht hier nicht aus.

Verbraucherschützer fürchten, dass Big Data das Versichertenkollektiv aushöhlt, weil die Unternehmen das Risiko des Einzelnen exakter berechnen können.
Weber: Die Versicherung muss weiter dafür sorgen, dass das zufällige Auftreten von Schäden den Einzelnen nicht belastet. Es muss von der Gruppe getragen werden – und das wird es auch weiterhin. Nehmen Sie die Kfz-Versicherung: Ich habe voriges Jahr mein neues Auto versichert und musste angeben: Ich bin 1955 geboren, wohne in Koblenz, bin Versicherungsangestellter. Das Auto ist ein VW Tiguan, Neuwagen, 180 PS. Das Auto steht auf einer privaten Stellfläche, nicht in einer Garage. Der Eigentümer hat ein eigenes Wohnhaus und das Fahrzeug ist voll bezahlt und nicht geleast. Und das Auto wird auch von einer Person unter 25 gefahren, die am begleiteten Fahren mit 17 teilgenommen hat. Das alles zusammen trifft genau auf ein versichertes Objekt zu: mein Auto. Wenn ich nun einen Unfall mit fünf Millionen Euro Schaden verursache, wird meine Versicherungsprämie aber doch nicht auf fünf Millionen Euro steigen.

Sondern?
Weber: Die Prämie steigt für alle Tiguan-Fahrer ein bisschen; für alle die in Koblenz wohnen, steigt sie ein bisschen; sie steigt für alle Wohnhauseigentümer ein bisschen und so weiter. Obwohl es nur ein versichertes Objekt gibt, das all diese Kriterien erfüllt – das Risiko also komplett individuell berechnet ist – führt das nicht dazu, dass ich meinen eigenen Schaden selbst bezahlen muss. Das wäre auch das Ende der Versicherung.

Big Data bedeutet also nicht das Ende der Versicherung. Aber vielleicht das des klassischen Aktuars? Wie verändert die Technologie die Arbeit?
Weber: Ähnlich wie vor 20 Jahren, als die Finanzmathematik durch Solvency II Einzug in das Berufsbild hielt, wird sich der Aktuar dem IT-Bereich öffnen und weiterbilden müssen. Ich glaube, das Arbeitsfeld wird noch breiter werden – und es wird mehr Spezialisierungsmöglichkeiten geben. Big Data wird auch zu mehr Automatisierung führen. Während der Aktuar früher viel Zeit darauf verwenden musste, um überhaupt an Daten zu kommen, wird er sich künftig viel stärker auf die Frage konzentrieren, was er mit den Daten machen kann. Die größte Herausforderung wird aber sein, ausreichend Fachkräfte zu finden. Denn Aktuare werden noch dringender gesucht als Programmierer. Und durch Big Data wird es künftig noch engere Zusammenarbeiten zwischen den Abteilungen geben müssen, denn mit den neuen Datenfluten wird ein Bereich überfordert sein.