08.11.2017
Kolumne Altersvorsorge

Der letzte Hit: Das Loblied von der Aktie

Aktien euphorisch als Lösung aller Probleme der Altersvorsorge auszurufen, greift zu kurz. Aus guten Gründen ist die Versicherungsbranche hier zurückhaltend – und was für Versicherer im Großen gilt, gilt für Sparer genauso im Kleinen. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Von einer Normalisierung der Geldpolitik sind wir in Europa noch weit entfernt, auch wenn die Kapitalmarktzinsen sich in den letzten Monaten von ihren historischen Tiefständen des Jahres 2016 gelöst haben. Klar ist, dass wir Versicherer uns mehr Gedanken machen müssen über Auswege aus der Niedrigzinsfalle. Als Alternative zu traditionellen Anlageklassen wie Bundesanleihen kommen etwa Unternehmensanleihen infrage. Klar, darüber hinaus muss sich jedes Unternehmen fragen, inwieweit es sein Engagement in Aktien ausbauen will. Gut 1,5 Billionen Euro hat unsere Branche im Jahr 2015 angelegt – 4,4 Prozent davon in Aktien. Im Jahr 2005 waren es schon mal knapp 9 Prozent, im Jahr 2011 lag dieser Wert auch in Folge der Finanzkrise bei lediglich 2,9 Prozent.

Versicherer halten sich aus guten Gründen mit Aktien-Investments zurück

Mir liegt es fern, hier die Aktie als Geldanlage verteufeln zu wollen. Umgekehrt wehre ich mich vehement dagegen, Aktien euphorisch als Lösung aller Probleme der Altersvorsorge in Niedrigzinszeiten auszurufen. Aus guten Gründen ist unsere Branche hier zurückhaltend – und was für Versicherer im Großen gilt, gilt für Sparer im Kleinen. Ich meine: Viel zu schwankungsanfällig! In der Altersvorsorge kann eine Dividende den Zins nicht ersetzen.

Daran musste ich denken, als ich in den vergangenen Tagen Zeitung gelesen habe und bei der Lektüre auf ganzseitige Anzeigen gestoßen bin. In den laufenden Sondierungsgesprächen einer Jamaika-Koalition wird da ein „Berliner Appell zu mehr Vermögensbildung in Mitarbeiterhand“ platziert. Parallel meldet sich auch der angesehene Frankfurter Privatbankier Friedrich von Metzler zu Wort: „Mehr Aktien zur Sicherheit der Rente“ überschreibt er einen offenen Brief an die potenziellen Jamaika-Koalitionäre.

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Wer garantiert sonst die lebenslange Rente?

Solche Aussagen fallen leicht, wenn der Deutsche Aktienindex auf historischen Höchstständen notiert. Auch ein vermeintlich kostengünstiger Staatsfonds klingt da verführerisch, birgt aber neue Risiken für die Altersvorsorge. Wir Versicherer bieten schon länger neue Produkte in der Altersvorsorge an: Sie sind flexibler und damit auch chancenreicher. Die Vielfalt des Angebots kommt Kunden zugute – zumal allen Rentenversicherungen, egal ob alt oder neu, die wichtigste Garantie gemeinsam ist: die lebenslange Rente. Jeder Kunde kann sicher sein, dass sein gebildetes Kapital zum vereinbarten Beginn der Altersvorsorge in eine Rente umgewandelt und gezahlt wird, so lange er lebt. Die neuen Produkte sind nicht, wie mitunter zu lesen ist, der Tod der Garantie. Im Gegenteil: Die Rentengarantie bleibt der Markenkern der privaten Rentenversicherung und das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu Fonds- und anderen Sparplänen.

Es ist wie in der Medizin – Wirkstoffe mögen in Maßen heilsam sein, in großen Mengen sind sie oft schädlich. Die richtige Aktienbeimischung ist entscheidend, denn jeder Chance steht ein Risiko gegenüber. Waren wir zur Jahrtausendwende nicht schon einmal an einem Punkt, als die Begeisterung für Aktien keine Grenzen kannte, nur um kurz darauf einen beispiellosen Absturz zu erleben? Erinnert sich heute noch jemand daran? Unterstützt nicht aber gerade die aktuelle Geldpolitik erneut die Bildung von Spekulationsblasen, weil sie immer mehr Anleger auf der Jagd nach Rendite in Aktien treibt?

Überflüssiges Risiko: Alterssicherung an den Erfolg des Arbeitgebers knüpfen

Zur systematischen Sicherung der Altersvorsorge gänzlich ungeeignet sind die immer wieder diskutierten Mitarbeiter-Aktien, die die Unterzeichner des Berliner Appells von einer neuen Bundesregierung besser gefördert wissen wollen. Die eigene Alterssicherung an den wirtschaftlichen Erfolg seines Arbeitgebers zu knüpfen bedeutet, zusätzliche Risiken einzugehen. Das geht schon mit der Sicherheit des Arbeitsplatzes los, der in der Regel alles andere als garantiert ist. Auch noch einen Teil des eigenen Ersparten oder gar der eigenen Altersversorgung damit zu verbinden, widerspricht der versicherungswissenschaftlichen Expertise – und der Vernunft. Selbst wenn Sie Unternehmensbeteiligungen eine Rendite wie Aktien zutrauen, bleibt die erforderliche Streuung der Anlage bei einem solchen Durchführungsweg völlig auf der Strecke. Sie können die Ertragskraft dieser Beteiligungen besser ausnutzen, wenn sie sich vom Schicksal des eigenen Arbeitsplatzes lösen – etwa durch den Erwerb verschiedener Aktien oder Fonds. In der Alterssicherung bieten sich fondsgebundene Rentenverträge an.

Verzeihen Sie mir also bitte, wenn ich so manche Lobeshymne auf die Aktie aus Sicht der Altersvorsorge manchmal als einseitig empfinde.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth