30.11.2017
POSITIONEN-Magazin - Reden wir über Sicherheit mit Domkletterer Wolfgang Schmitz

„Angst ist eine gute Versicherung“

Wolfgang Schmitz arbeitet als Gerüstbauer in schwindelnder Höhe auf dem Kölner Dom. Im kommenden POSITIONEN-Magazin erzählt er über Kreuzblumen, Unfälle und Höhenangst.

Herr Schmitz, Sie kennen jeden Winkel des Kölner Doms. Haben Sie eine Lieblingsecke?
Wolfgang Schmitz: Die Spitze. Auf der Kreuzblume des Nordturms in 157,38 Meter Höhe.

Der Nord- ist höher als der Südturm?
Schmitz: Ja, um sieben Zentimeter.

Und da darf man rauf?
Schmitz: Man nicht. Wir schon.

„Wir“, das ist die Gerüstbaukolonne der Dombauhütte. Ist das eigentlich normal, dass eine Kirche ihre eigene Gerüstbaukolonne unterhält?
Schmitz: Nein. Wir sechs sind in Europa die Einzigen – so viel ich weiß.

Wie kommt man zu diesem Job?
Schmitz: Ich habe Zimmermann gelernt und nach dem Bund mal hier, mal da gearbeitet. Als ich von einem Bekannten hörte, dass hier Leute gesucht werden, wollte ich unbedingt am Dom anfangen. Ist schließlich ein tolles Bauwerk – und sichere Arbeit.

Am Dom wird immer gebaut…
Schmitz: Eben. Man sagt in Köln, wenn am Dom nicht mehr gebaut wird, geht die Welt unter.

Worin genau besteht Ihr Job?
Schmitz: Wir bauen die Gerüste, auf denen zum Beispiel die Steinmetze arbeiten.

Ihre Gerüste haben vergleichsweise viel Publikumsverkehr…
Schmitz: Ja. Es gibt auch Führungen, und es kommen immer wieder auch Experten von außerhalb.

Heißt das, Sie bauen Ihre Gerüste besonders „idiotensicher“?
Schmitz: (lacht) Das haben Sie gesagt, aber – ja.

Das Baugewerbe gilt als notorisch gefährlich. Ist auf der Dombaustelle schon mal jemand zu Tode gekommen?
Schmitz: Nicht in den 31 Jahren, in denen ich hier arbeite. Ein Kollege ist mal von der Leiter gefallen, weil er bewusstlos geworden ist. Der hatte Zucker, was aber keiner wusste. Sieben Meter. Ihm ist aber nichts Schlimmes passiert.

Zur Person

Wolfgang Schmitz
Gerüstbauer der Kölner Dombauhütte

Eigentlich ist der Kölner Dom seit seiner Grundsteinlegung am 15. August 1248 eine Baustelle. Seit er im 19. Jahrhundert fertig wurde, arbeitet man an seinem Erhalt. Wolfgang Schmitz, 54, ist Kolonnenführer der Gerüstbauer der Dombauhütte, die Steinmetzen, Forschern und Besuchern sicheren Zugang rund um die Fassade verschaffen. Schmitz hat zwei Söhne; seine Frau hat er am Kölner Dom kennengelernt. Das Interview wurde für das GDV-Magazin POSITIONEN geführt, dessen Ausgabe 4_2017 am 12. Dezember erscheint.

In welchen Höhen arbeiten Sie?
Schmitz: Unser Gerüstbau fängt praktisch erst bei 20 Metern an. Und es geht hoch bis 157 Meter. Deshalb sind wir ja immer angeleint. Unser Werkzeug und alle Materialien übrigens auch.

Mal abgesehen von den Sicherheitsvorkehrungen wie Helm und Klettergurt. Was macht die Dombaustelle besonders sicher im Vergleich zu anderen?
Schmitz: Hier muss nie etwas zack, zack morgen fertig sein. Und wir stehen unter besonderer Beobachtung. Alles was hier am Dom passiert, steht morgen in der Zeitung – nicht nur in Köln.

Tatsächlich gingen zuletzt Geschichten durch die Medien, von illegalen Kletterern, die im Internet Fotos und Videos von der Spitze des Doms posten…
Schmitz: Das ist am ehesten die Gefahr: Das Suizidgefährdete oder solche Spinner hier herumklettern. Auch dagegen müssen wir absichern, indem wir alle Zugänge gründlich absperren. Aber völlig verhindern kann man das wohl nie.

Gibt es Unberechenbares am Dom?
Schmitz: Der Trachyt. Der älteste, mittelalterliche Teil des Doms im Osten besteht fast ganz aus diesem Vulkangestein vom Drachenfels. Das zerbröselt durch die Bewitterung zusehends, was uns Kopfschmerzen bereitet – und nicht nur uns Gerüstbauern.

Wie abhängig sind Sie vom Wetter?
Schmitz: Sehr. Bei Regen und starkem Wind klettern wir nicht. Auch wenn’s richtig kalt wird, will man nicht da oben sein.

Was machen Sie dann im Winter?
Schmitz: Es gibt auch im Dom genug zu tun.

Haben Sie eigentlich Höhenangst?
Schmitz:Nein, ich weiß tatsächlich eigentlich gar nicht genau, was das sein soll.

Kommt es vor, dass Sie oder Kollegen mal nicht klettern können?
Schmitz:Klar, wir fragen uns jeden Tag gegenseitig: „Gehst du heute hoch oder soll ich?“ Wenn’s mir nicht gut geht, wenn mir eine Erkältung auf die Ohren geschlagen ist und mein Gleichgewichtssinn deshalb nicht 100-prozentig ist, dann gehe ich nicht hoch.

Haben Sie vor irgendwas Angst?
Schmitz: Bei der Arbeit nicht. Aber Angst ist eine gute Versicherung. Soll heißen: Zu ruhig soll man nicht werden. Sonst wird man unachtsam.

Routine ist auch gefährlich…
Schmitz: Genau. Mir ist es zwar egal, ob ich in fünf oder in 150 Meter Höhe arbeite. Das heißt aber nicht, dass ich im Kopf genauso abschalte, wie wenn ich hier beim Kaffee sitze.

Alles super also?
Schmitz: Solange man nicht vom Dach fällt oder sich mit dem Domkapitel anlegt, ist das der sicherste Job der Welt.

Interview: Tom Rademacher, Fotos: Natalie Bothur