10.10.2017
Verhaltensökonomie

Wie der Wirtschaftsnobelpreisträger die Altersvorsorge verändert hat

Menschen handeln stets rational? Mitnichten, wie der US-Ökonom Richard Thaler herausgefunden hat. Seine Erkenntnisse geben neue Impulse für die Altersvorsorge. Von Karsten Röbisch

Richard Thaler ist so etwas wie ein Revolutionär unter den Ökonomen. Der Gewinner des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises gehört zu denjenigen, die mit ihren Forschungen das lange Zeit gültige Ideal des Homo oeconomicus zerstört haben. Thaler und andere Verhaltensökonomen konnten nachweisen, dass Menschen oft eben nicht rational und eigennützig handeln, sondern dass ihre wirtschaftlichen Entscheidungen von psychologischen Faktoren beeinflusst werden.

Rational wäre es beispielsweise, privat vorzusorgen. Denn die gesetzliche Rente – so viel ist den meisten klar – reicht allein nicht aus, um seinen Lebensstandard im Alter halten zu können. Dennoch sparen viele Menschen entweder gar nicht oder sorgen nur unzureichend vor. Sie konsumieren lieber statt zu verzichten, um eines fernen Tages davon zu profitieren.

Menschen sind kurzsichtig und willensschwach

Genau darin zeigt sich eine der vielen Anomalien, die Verhaltensökonomen wie Thaler näher untersucht haben: die Kurzsichtigkeit des Menschen. Wir neigen dazu, die künftigen Konsequenzen unseres Handelns im Hier und Heute nicht ausreichend zu berücksichtigen. Zugleich mangelt es uns an Selbstkontrolle: In uns kämpfen der Macher und der Planer. Ersterer denkt kurzfristig und will konsumieren, Letzterer ist willensstark und erkennt den langfristigen Nutzen des Verzichts. Es ist ein Kampf, den allzu oft der Macher gewinnt.

Die mangelnde Spardisziplin ist keine Lappalie. Schließlich wurde mit der Rentenreform von 2001 das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente gesenkt und den Menschen mehr Eigenverantwortung übertragen. Sie sollen die entstehenden Lücken durch zusätzliche Sparbemühungen ausgleichen, sei es über die betriebliche oder private Altersvorsorge. Wer nicht vorsorgt, bekommt es hinten raus bitter zu spüren. Doch oft ist der innere Schweinehund zu groß.

Verhalten der Verbraucher lässt sich beeinflussen

Genau an dem Problem setzte Thaler mit seiner Forschung an: Er hat nach Wegen gesucht, wie solche Blockaden überwunden werden können, ohne zu bevormunden. Der US-Ökonom nennt es „Nudging“ – das bewusste „Anstupsen“ der Verbraucher, um sie zu einem bestimmten Verhalten zu motivieren. Gerade auch in der Altersvorsorge.

Eines dieser Mittel ist das sogenannte Opting-out. Altersvorsorgesysteme funktionieren oft so, dass ihnen die Menschen freiwillig beitreten müssen (Opting-in). Man kann sie jedoch auch automatisch in ein System einbinden und ihnen die Möglichkeit lassen, jederzeit auszutreten. In beiden Fällen hat der Verbraucher die freie Wahl, nur muss er sich in dem einen Fall aktiv für; im anderen aktiv gegen eine Teilnahme entscheiden – nur ein winziger Unterschied, der sich jedoch stark auswirkt, wie Erfahrungen aus den USA belegen. Nachdem dort Firmen in der betrieblichen Altersvorsorge ein Opting-out-Modell eingeführt hatten, stieg die Teilnahmequote der Beschäftigten auf 85 Prozent – nach zuvor 57 bis 69 Prozent.

Dies zeigt, wie sich die Trägheit des Menschen austricksen lässt. Dies gilt auch für andere Bereiche. Während zum Beispiel in Deutschland nur rund ein Viertel der Menschen Organspender sind, liegt der Anteil in Österreich bei 99 Prozent. Der Unterschied: Hierzulande müssen die Menschen explizit einwilligen, dass nach ihrem Tod Organe entnommen werden dürfen. Diese sogenannte Entscheidungslösung ist nichts anderes als ein Opting-in. Österreich setzt dagegen seit Jahrzehnten auf eine Widerspruchslösung, gleichbedeutend mit einem Opting-out. Die Einwohner gelten automatisch als Organspender, sofern sie sich nicht in einer Widerspruchs-Datenbank registrieren lassen.

Bessere Finanzbildung und einfachere Produkte erleichtern Entscheidungen

Mit dem in diesem Jahr verabschiedeten Betriebsrentenstärkungsgesetz kommt das Opting-out-Modell in der betrieblichen Altersvorsorge auch in Deutschland zum Einsatz, wofür sich die Versicherungsbranche lange eingesetzt hatte. Sofern sich Arbeitgeber und Gewerkschaften im Rahmen eines Tarifvertrags darauf verständigen, sind alle Beschäftigten künftig automatisch in die betriebliche Altersvorsorge eingebunden. Sie müssen dann aktiv widersprechen. Die Bundesregierung erhofft sich davon eine stärkere Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung.

Opting-out ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, mehr Menschen für die Altersvorsorge zu motivieren. Verständlichere Informationen, eine bessere Finanzbildung oder einfachere Produkte sind ebenfalls „Nudges“, die ebenfalls etwas bewirken können. Denn auch das ist eine Erkenntnis aus der Verhaltensökonomie: Je aufwendiger es für die Menschen ist, Informationen zu beschaffen und sich zu entscheiden, desto schneller fühlen sie sich überfordert und desto eher resignieren sie.

Positives Altersbild erhöht Bereitschaft zur finanziellen Vorsorge

Unterstützend wirkt aber auch ein positives Altersbild. „Gerade Themen wie Gesundheit oder Altersvorsorge sind stark mit negativen Aspekten besetzt. Menschen denken nicht gerne an das Altwerden, an vielleicht lange Krankheiten, an das Sterben. Diese negativen Aspekte muss man erst einmal beiseiteschieben und den Blick auf die genussvollen Seiten des Alters werfen“, sagt Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert. Heißt: Je größer die Vorfreude auf den Ruhestand, desto eher sind die Menschen bereit, sich mit den finanziellen Aspekten der Altersvorsorge zu befassen.

Auch aus dem Grund hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) die Initiative „7 Jahre länger“ ins Leben gerufen. Sie soll den Menschen bewusst machen, dass sie immer länger leben und der Ruhestand noch viele Möglichkeiten bietet, sich zu entwickeln und Träume auszuleben, dass Voraussetzung für eine aktive Teilhabe aber auch ein ausreichendes Einkommen ist.