11.10.2017
Kolumne Lebensversicherung

Kalte Schulter, offene Arme?

Die deutschen Lebensversicherer und ihr Geschäft sind zweifellos im Umbruch. Das ist gut so und folgt einer ökonomischen Notwendigkeit. Wenn wegen so genannter Run-offs aber lautstark die Sicherheit der Altersvorsorge von Millionen Versicherten in Frage gestellt wird, ist das schlicht und ergreifend fern der Realität. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Wir erleben die Auswüchse einer verfehlten Zinspolitik, die ihren Zenit längst überschritten hat. Verständlich, wenn Sparer sich deshalb Gedanken über ihre private Altersvorsorge machen. Ebenso verständlich ist es allerdings, wenn Versicherer versuchen, ihr Angebot an diese Marktbedingungen anzupassen – so lange es nicht zum Nachteil der Kundinnen und Kunden ist.

Seit Jahren ist die Branche dabei, ihre Abläufe zu optimieren und damit Kosten zu verringern. Da werden Vertriebe gestrafft, Tochtergesellschaften zusammengelegt und das Produktportfolio überprüft. Das gehört ins Pflichtenheft jedes gut geführten Unternehmens. Hieraus kann auch resultieren, dass ein Lebensversicherer keine neuen klassischen Verträge mehr zeichnet oder seinen Vertragsbestand sogar ganz zur Disposition stellt. Wenn deshalb aber lautstark die Sicherheit der privaten Altersvorsorge insgesamt in Frage gestellt wird, ist das schlicht und ergreifend fern der Realität.

Leichtfertigkeit ist das Letzte, was unsere Branche kennzeichnet

Richtig ist: Offensichtlich überdenken einige Versicherer ihre Bestände mit früher abgeschlossenen Verträgen. Dabei gibt es etliche Strategien: die bestehenden Verträge können in den eigenen Büchern bleiben und man beendet nur das Neugeschäft. Oder sie können in eine gesonderte Gesellschaft ausgelagert werden. Solche Tochtergesellschaften – oder auch nur Pakete von Verträgen – können dann auch an andere Versicherer verkauft werden. Dabei muss es nicht zum Nachteil der Kunden sein, wenn hinter diesen Versicherern ausländische Investoren stecken. Denn jeder hier registrierte Lebensversicherer unterliegt denselben strengen deutschen Regeln.

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Diese Ansätze sind allesamt nicht neu. Sie sind schon früher immer wieder diskutiert und praktiziert worden, erst recht im Ausland. Dennoch kann ich verstehen, dass Kunden verunsichert sind, wenn ihnen ihr angestammter Versicherer scheinbar die kalte Schulter zeigt. Und wenn gleich mehrere große Unternehmen dies binnen weniger Stunden verkünden, ist die Verunsicherung erst recht programmiert.

Unsere Branche ist gefordert, hier umfassend, stetig und klar zu kommunizieren. Denn gerade beim Thema Altersvorsorge geht es um Vertrauen und einen langen Atem. Eine bestehende Kundenbeziehung ist etwas, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte – und ich bin sicher, dass Leichtfertigkeit das Letzte ist, was unsere Branche kennzeichnet.

Die gute Nachricht für die Versicherten ist: Für sie ändert sich durch eine Übertragung von Beständen oder den Verkauf von Versicherungsunternehmen gar nichts. Denn die Altersvorsorgepolicen gehen ja nicht an irgendwen, sondern an spezialisierte Lebensversicherungsunternehmen. Die Verträge werden dort unverändert fortgeführt. Die Kundinnen und Kunden werden insofern mit offenen Armen empfangen und erhalten selbstverständlich auch zukünftig alle garantierten Leistungen. Bei einer möglichen Auslagerung oder einem Verkauf von Lebensversicherungspaketen muss immer der korrekte Kapitalbestand der jeweiligen Verträge mit übertragen werden. Darüber hinaus werden Kunden weiterhin an den anfallenden Überschüssen beteiligt.

Darüber wacht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Im aktuellen Zinsumfeld stehen die garantierten Leistungen im Vordergrund. Die gesetzliche Mindestbeteiligung an den Zins- und Risikoüberschüssen beträgt 90 Prozent, so dass die Kunden eine sehr starke Absicherung haben. Die Rechtslage ist glasklar: Die Beteiligung der Kunden an anfallenden Überschüssen ist im Versicherungsaufsichtsrecht (§ 139 VAG) sowie im Versicherungsvertragsgesetz (§ 153 VVG) geregelt. Die BaFin stellt auch sicher, dass die Interessen der Versicherungsnehmer vollumfänglich gewahrt bleiben (§ 13 VAG Bestandsübertragungen). Dies gilt insbesondere für die Überschussbeteiligung. Zudem muss jede Übertragung von der Finanzaufsicht genehmigt werden.

Das Produkt Lebensversicherung wird weiterentwickelt

Mindestens genauso wichtig ist für mich allerdings die Tatsache, dass Versicherer das Produkt Lebensversicherung erfolgreich weiterentwickeln und mit neuen Garantiemodellen an die andauernde Niedrigzinswelt anpassen. Dazu gehört es selbstverständlich auch, dass unsere Branche ihre Abschlusskosten senkt, was in den vergangenen Jahren bereits kontinuierlich geschehen ist und auch weiterhin geschehen wird.

Das sind einige Schritte auf dem Weg, die Altersvorsorge unter den bekannten, deutlich erschwerten ökonomischen Rahmenbedingungen fit für den demografischen Wandel zu machen. Viele weitere müssen folgen – von uns Versicherern, von einer neuen Bundesregierung und von jedem Einzelnen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth