25.10.2017
Kolumne Naturgefahrenreport

In Scheinsicherheit

Es liegt im Wesen der Katastrophe, dass sie überraschend kommt und über uns hereinbricht. Dennoch kann jeder einzelne viel dafür tun, sich vorzubereiten und zu schützen. Das betrifft natürlich auch die Versicherungsbranche – die mit Kumulplänen Schäden zügig aufnimmt, beseitigt und reguliert. Die Kolumne des Vorsitzenden der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth.

Der Ausstieg des US-Präsidenten Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen war ein schwerer Schlag für die internationale Politik und für die Weltgemeinschaft. Umso mehr wird es bei der bevorstehenden Weltklimakonferenz in Bonn auf Geschlossenheit der Nationen ankommen. Es wird auch spannend sein, wie sich die Konferenz ab dem 6. November auf die laufenden Gespräche zu einer Regierungsbildung auswirkt.

Die Haltung der deutschen Versicherungswirtschaft zu diesen Themen können Sie hier nachlesen: Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel müssen Hand in Hand gehen. So gibt es bei der Senkung des Energieverbrauchs noch großes Potenzial. Gleichzeitig müssen Gebäude und Infrastruktur vor Extremwetterereignissen besser geschützt werden. Nur der geringste Teil des Gebäudebestandes hierzulande ist auf Extremwetterlagen wie Hagel, Starkregen und Hangrutsche hinreichend vorbereitet – Phänomene, die mit fortschreitendem Klimawandel immer größere Risiken bergen.

Prävention kommt im Alltag oft zu kurz

Wie wenig unsere Gesellschaft im Alltag allerdings auf solche Risiken vorbereitet ist, haben wir hier in Berlin und Brandenburg gerade hautnah erlebt. Mit heftigen Orkanböen fegte das Sturmtief Xavier über die Region und sorgte für einen weitreichenden und länger anhaltenden Stopp des öffentlichen Nahverkehrs. Nicht wenige haben die Nacht unfreiwillig in Hotels oder gar Büros verbracht, da es oftmals nicht mehr möglich war, ins Berliner Umland zu gelangen: umgestürzte Bäume blockierten Straßen und Gleise. Von bis zu zwei Millionen umgeblasenen Bäumen ist allein in Brandenburg die Rede. Mancherorts fielen in der Folge auch Strom und Telekommunikation aus.

Das Sturmtief hat uns wieder einmal gezeigt. wie empfindlich unsere hochtechnisierte Gesellschaft mittlerweile ist und in welcher Scheinsicherheit wir uns regelmäßig wiegen. Wir sollten uns daher klar machen, dass Katastrophen dieser Art jeden einzelnen betreffen können. Das ist aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Es muss vielmehr Anlass sein, ganz konkret Präventionsmaßnahmen zu ergreifen, sich zu schützen und vorzubeugen – auch über den passenden Versicherungsschutz hinaus.

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Naturgefahren: Versicherte Schäden von mehr als 2,5 Milliarden Euro

Wir Versicherer setzen uns seit jeher intensiv für Prävention ein. So veröffentlicht der GDV einmal jährlich den Naturgefahrenreport, das jüngste Exemplar liegt seit Anfang Oktober vor. Insgesamt sorgten Naturgefahren im vergangenen Jahr für versicherte Schäden von mehr als 2,5 Milliarden Euro. Auf die Sachversicherer entfielen dabei Schäden an Wohngebäuden, Hausrat, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Die Kfz-Versicherer schulterten Schäden an Fahrzeugen in Höhe von 615 Millionen Euro.

In unserem Naturgefahrenreport finden Sie auch ein Kapitel zum „Wesen der Katastrophe“. Der Leiter des nordrhein-westfälischen Forstamtes, Diethard Altrogge, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Für die Natur ist es nur ein Wimpernschlag. Für uns ist es eine Katastrophe.“ Bis heute beschäftigen Altrogge und sein Team die Folgen des Orkans Kyrill, der im Januar 2007, die verheerendste Sturmkatastrophe ausgelöst hatte, die der GDV in seinen Statistiken jemals verzeichnete. 13 Menschen sterben, Hausdächer, Gebäude und Gebäudeteile werden von Windgeschwindigkeiten bis 200 Kilometer pro Stunde weggeblasen. Mit den entsprechenden Folgen für den Katastrophenschutz.

Personal wird gebündelt – im Backoffice und vor Ort

Ähnlich den Einsatzplänen der Katastrophenschutzbehörden haben auch Versicherer so genannte Kumulpläne für den Katastrophenfall. Sie bündeln Personal – im Backoffice und vor Ort. Sie passen die Prozesse der Flut von Schadenmeldungen an. Sie schaffen ihre eigene Logistik vor Ort – im Schlamm, in den Trümmern des Sturms. Sie gehen immer wieder persönlich zu den Menschen, nehmen Schäden auf, lösen Zahlungen aus.

Die Versicherungsunternehmen aktualisieren ihre Kumulpläne fortlaufend – nicht erst seit Kyrill. Und sie vernetzen sich: Personal aus den nicht betroffenen Regionen wird zu den Kollegen in die Katastrophengebiete geschickt. Es muss schnell gehen, der Schaden soll so gering wie möglich bleiben und so schnell wie möglich behoben werden. Zum bundesweiten Netzwerk gehören auch Handwerker, auf die die Kunden zurückgreifen können. Ein unschätzbarer Wert in Katastrophenzeiten, da Handwerker knapp sind.

Eben weil die Natur mit einem „Wimpernschlag“ Unvorhersehbares geschaffen hat.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth
 

Jörg von Fürstenwerth