27.09.2017
Versicherungstag 2017

„Wir müssen uns fundamental erneuern“

Beim Versicherungstag 2017 geht es vor allem um Umbrüche. Altkanzler Gerhard Schröder nutzt seine Rede für ein Plädoyer für mehr Europa, der scheidende GDV-Präsident Alexander Erdland für einen eindringlichen Appell an die Branche. Von Karsten Röbisch

Umbrüche können ziemlich tückisch und unberechenbar sein. Mal kommen sie so abrupt daher, dass den Betroffenen kaum Zeit bleibt, sich anzupassen. Oder aber die Dinge verschieben sich schleichend, was die Gefahr birgt, die Bedeutung der Umwälzungen zu unterschätzen. Und den Zeitpunkt für die nötige Anpassung zu versäumen.

Eines sind Umbrüche aber immer: alltäglich. So normal, dass man im historischen Kontext gar nicht davon sprechen könne, wie der Historiker Christopher Clark am Mittwoch auf dem Versicherungstag in Berlin hervorhob. „Geschichte fließt wie ein ständiger Strom. Stellt man Hindernisse auf, fließt sie einfach drum herum.“ Wobei auch der Kenner der europäischen Geschichte das Gefühl hat, dass das Tempo der Umwälzungen zugenommen hat: wirtschaftlich, sozial und politisch.



Keine Umwälzungen, die nicht auch die Versicherer betreffen

Davon betroffen sind fast immer auch die Versicherer. Sei es die alternde Gesellschaft, der Klimawandel, die Niedrigzinsphase, die Digitalisierung oder auch der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU): all diese abrupten oder langsamen Umwälzungen wirken auch auf das Geschäftsmodell der Branche. „Wir erleben Zeiten des Wandels in einem Ausmaß, wie Viele es sich vor einigen Jahren noch nicht vorstellen konnten“, sagte der scheidende GDV-Präsident Alexander Erdland (>>Rede als PDF), auf den nun Wolfgang Weiler folgt. Dazu passt auch das Motto des diesjährigen Versicherungstags: „Umbrüche gestalten“.

Als einen solchen Umbruch lässt sich auch die Bundestagswahl werten. Erstmals werden im Parlament sechs Fraktionen vertreten sein, darunter mit der AfD auch eine rechtspopulistische Partei. Eine Zäsur für Deutschland. Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnete in seiner Rede den Einzug der AfD in den Bundestag als „extrem unerfreulich“, hält sie aber nicht für eine Gefahr für die Demokratie. Den Entschluss der SPD-Spitze, auf die Oppositionsbank zu wechseln, kritisierte er als vorschnell: „Ich hätte mir das erstmal angeschaut.“ Alles laufe nun auf eine Jamaika-Koalition hinaus: „Ich glaube, die werden sich zusammenreißen, und die werden das machen“, sagte Schröder.

Pressefotos

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GDV-Präsident Dr. Wolfgang Weiler

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GDV-Präsident Dr. Wolfgang Weiler

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Alexander Erdland und Wolfgang Weiler

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Gerhard Schröder

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Auf Brüche zu reagieren heißt auch, Risiken einzugehen

Er war ja selbst jemand, der zu seiner aktiven Zeit als Politiker Verantwortung nicht scheute. Mit der Agenda 2010 hat Schröder selbst einen großen Umbruch eingeleitet und einem verkrusteten Land harte, aber nötige Reformen verordnet. Das Ergebnis ist bekannt: Deutschland profitiert wirtschaftlich noch heute von der Agenda 2010, für die SPD markierte sie jedoch den Anfang ihrer Schwächephase auf Bundesebene. Des Risikos eines Machtverlustes sei er sich damals bewusst gewesen, sagte Schröder rückblickend: „Wir mussten aber im Interesse des Landes das Risiko eingehen, auch etwas zu verlieren.“

Das unterscheide die Agenda 2010 jedoch vom Brexit, der nach Einschätzung des 73-jährigen Alt-Kanzlers den Briten nur schadet: „Was der damalige britische Premierminister David Cameron ausgelöst hat, gehört in die Kategorie des größtmöglichen Politikversagens.“ Cameron habe einen innerparteilichen Konflikt dem Volk zur Abstimmung vorgelegt. Das Ergebnis sei ein schwerer Schlag für die europäische Integration. „Und die junge Generation in Großbritannien wird damit um Zukunftschancen gebracht“, so der ehemalige SPD-Chef.

Schröder fordert eine stärkere europäische Integration

Für Europa wünscht sich Schröder neue Impulse, gerade nach den Wahlen in Deutschland und Frankreich: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem beide Staaten in der Lage sind, eine gemeinsame europapolitische Agenda zu starten. Mehr noch: Es ist ihre Pflicht, Europa einen neuen Impuls zu geben!“ Darunter versteht Schröder auch eine stärke Integration, wie sie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ebenfalls vorschwebt. „Die vergemeinschaftete Geldpolitik steht einer national verantworteten Finanz- und Wirtschaftspolitik in den Mitgliedsstaaten gegenüber. Das kann nicht funktionieren. Die Eurozone braucht daher eine koordinierte Finanz-, Wirtschafts- und auch Sozialpolitik“, so Schröder.

Zu konsequenten Schritten rief auch Erdland die versammelten Versicherungsmanager auf – vor allem mit Blick auf die Digitalisierung. Sie werde das Geschäftsmodell massiv verändern und harte Anpassungen erzwingen. „Wir müssen uns fundamental erneuern, auch wenn es bedeutet, Gewohntes zu beenden und durch völlig Neues zu ersetzen.“ Erdland mahnte die Branche, die wesentlichen Veränderungen nicht zu übersehen – und sich von schrillen, aber kurzlebigen Trends nicht den Blick verstellen zu lassen.

Ein Umbruch kann auch ein Aufbruch sein

So kann aus einem Umbruch eben auch ein Aufbruch werden: Wenn man frühzeitig die Veränderungen wittert und schneller reagiert als andere. Daran erinnerte abschließend auch noch einmal der Historiker Clark: „Große Wirtschaftschancen ergeben sich ja nur deshalb, weil viele nicht gewillt sind, das Unwahrscheinliche zu denken.“